KinderarbeitBrasilia/Berlin/Bonn (epo). - Eine neue Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) spricht erstmals von einem Rückgang der Kinderarbeit. Dem Bericht der International Labour Organisation mit dem Titel "Das Ende der Kinderarbeit: Zum Greifen nah" zufolge ist die Zahl arbeitender Kinder weltweit zwischen 2000 und 2004 um elf Prozent (von 246 auf 218 Millionen) gesunken. Die Anzahl von Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen fünf und 17 Jahren, die besonders gefährlichen Tätigkeiten nachgehen, sei in diesem Zeitraum sogar um 26 Prozent zurückgegangen, von 171 Millionen auf 126 Millionen, so die ILO. Deutsche NGOs halten den Bericht jedoch für zu optimistisch und fordern weitergehende Ziele.

Sollte der derzeitige Trend aufrechterhalten werden können, ist dem ILO-Bericht zufolge die weitgehende Beseitigung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit - beispielsweise unter Tage, mit giftigen Chemikalien oder im Sexgewerbe - innerhalb der nächsten zehn Jahre möglich. Besonders deutlich war der Rückgang der Kinderarbeit mit 33 Prozent bei den jüngeren Kindern unter 14 Jahren.

"Das Ende der Kinderarbeit ist in Reichweite gerückt", sagte ILO-Generaldirektor Juan Somavia, der den Bericht in Brasilia präsentierte. "Auch wenn der Kampf gegen Kinderarbeit weiterhin eine gewaltige Herausforderung darstellt, so sind wir doch auf dem richtigen Weg. Wir können die schlimmsten Formen innerhalb eines Jahrzehnts beenden, ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren, letztlich Kinderarbeit vollständig abzuschaffen."

Die größten Erfolge werden laut ILO aus Lateinamerika und der Karibik gemeldet, wo in den vergangenen vier Jahren die Zahl der arbeitenden Kinder um zwei Drittel abnahm und wo nur noch fünf Prozent aller Kinder arbeiten müssen. Auch Asien und die Pazifikregion verzeichnen rückläufige Zahlen, doch mit rund 122 Millionen Kindern zwischen fünf und 14 Jahren sind nach wie vor die meisten jüngeren Kinderarbeiter in dieser Region anzutreffen. Den höchsten prozentualen Anteil arbeitender Kinder gibt es in Afrika südlich der Sahara, wo 50 Millionen oder 26 Prozent aller Kinder arbeiten müssen. Hohes Bevölkerungswachstum, Armut und HIV/AIDS haben der ILO zufolge Fortschritte in dieser Region behindert.

Der Bericht zeigt anhand von Beispielen aus Ostasien und Brasilien, dass Armutsbekämpfung und breit angelegte Bildungsangebote die wichtigsten Voraussetzungen für die Bekämpfung der Kinderarbeit sind. Die ILO unterstützt diesen Prozess durch ihr Internationales Programm zur Beseitigung der Kinderarbeit (IPEC), das Mitgliedsregierungen berät, bei der Ausarbeitung von entsprechenden Programmen hilft und selbst Projekte durchführt, die inzwischen rund fünf Millionen Kinder erreicht haben.

30 Mitgliedsstaaten der ILO haben sich bereits das Ziel gesetzt, bis 2016 oder sogar schon früher die schlimmsten Formen der Kinderarbeit beseitigt zu haben. Die ILO ruft in ihrem aktuellen Bericht alle anderen Regierungen auf, bis spätestens 2008 ebenfalls solche zeitlichen Ziele aufzustellen.

Auch wenn es beträchtliche Fortschritte im Kampf gegen die Kinderarbeit gibt, so verweist der Bericht auch auf große Herausforderungen, vor denen die Staatengemeinschaft noch steht. Dies betrifft insbesondere den Landwirtschaftssektor, in dem sieben von zehn arbeitenden Kindern beschäftigt sind. Darüber hinaus müssen Maßnahmen in Zusammenhang mit HIV/AIDS erarbeitet werden, damit Kinder nicht gezwungen sind, an Stelle ihrer erkrankten oder verstorbenen Eltern zu arbeiten. Und schließlich muss auch das Problem der Jugendarbeitslosigkeit angegangen werden, damit Kindern nach einer Ausbildung eine spätere Berufsperspektive gegeben werden kann.

WELTHUNGERHILFE: PLÄNE GEHEN NICHT WEIT GENUG

Die Deutsche Welthungerhilfe kritisierte den ILO-Bericht umgehend: "Würde man alle tatsächlich arbeitenden Kinder erfassen, läge die Zahl der Kinderarbeiter deutlich höher. Millionen von ihnen arbeiten 'unsichtbar' und unbezahlt in Haushalten oder in der Landwirtschaft und werden daher offiziell nicht mitgezählt", erklärte die Welthungerhilfe in Bonn. "Wir sind der Überzeugung, dass das Recht eines jeden Kindes auf Bildung und Schutz vor Kinderarbeit endlich umgesetzt werden muss. Dieses unterstreicht auch der ILO-Bericht," sagte  Sandra Overhoff, Mitarbeiterin der Welthungerhilfe für die Kampagne "Stopp Kinderarbeit". "Hier stehen die Regierungen in der Verantwortung".

Die Welthungerhilfe spricht sich für einen Aktionsplan aus, der alle arbeitenden Kinder in das jeweilige Schulsystem integriert. Ziel müsse es sein, Kindern mindestens acht Jahre Schulbildung zu garantieren. Auch die ILO fordert ein Mindestalter für die Zulassung zu Beschäftigung von 15 Jahren. Bei der Umsetzung des UN-Millenniumszieles der Grundbildung stünden die Kinder jedoch bereits mit elf Jahren dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Diese Problematik bleibe im ILO-Bericht unberücksichtigt, kritisierte Overhoff.

Bis zum Jahr 2016 will die ILO weltweit die schlimmsten Formen von Kinderarbeit beseitigen. Nach Auffassung der Welthungerhilfe greift dieser Plan nicht weit genug. Tatsächlich gehe es darum, Kinderarbeit generell abzuschaffen. Die Welthungerhilfe setzt sich seit 2003 mit der Kampagne "Stopp Kinderarbeit! Schule ist der beste Arbeitsplatz" für Grundbildung und die Abschaffung von Kinderarbeit in den Entwicklungsländern ein. Die Kampagne läuft unter dem Dach der Alliance2015, einem Zusammenschluss von sechs europäischen Hilfsorganisationen.

NRO-FORUM KINDERARBEIT HÄLT DEN BERICHT FÜR ZU OPTIMISTISCH

Das Deutsche NRO-Forum Kinderarbeit hält den Bericht für zu optimistisch. "Vor allem in Afrika und Südasien ist Kinderarbeit nach wie vor sehr verbreitet. Hierfür sind viele Ursachen verantwortlich. In Indien gehört zum Beispiel das Kastenwesen dazu, das noch immer in ländlichen Regionen den Alltag vieler Menschen beherrscht. In den meisten afrikanischen Ländern prägt die informelle Wirtschaft die Arbeitswelt des größten Teiles der Bevölkerung. In dieser informellen Wirtschaft ist Kinderarbeit überall anzutreffen, dort werden Arbeitsgesetze und internationale Arbeitsnormen weitgehend missachtet", sagte der Koordinator des Forums, Klaus Heidel von der Werkstatt Ökonomie in Heidelberg.

Angesichts solcher Realitäten sind nach Heidels Ansicht die jetzt von der ILO vorgelegten Daten nicht ausreichend, um die Behauptung vom nahen Ende der Kinderarbeit zu stützen. Zugleich kritisieren die deutschen Nichtregierungsorganisationen, dass der neue Bericht der ILO nur ansatzweise ein differenzierendes Bild von Kinderarbeit zeichne: "Kinderarbeit ist nicht gleich Kinderarbeit", so Heidel. "Diesem Umstand trägt die ILO nicht ausreichend Rechnung. Zwar finden sich immer wieder differenzierende Hinweise, sie werden aber in zusammenfassenden Aussagen nicht aufgegriffen."

Das im Jahre 2000 gegründete Deutsche NRO-Forum Kinderarbeit wird getragen von Brot für die Welt, DGB-Bildungswerk, Kindernothilfe, ProNats, terre des hommes und Werkstatt Ökonomie.

WIECZOREK-ZEUL: "DER KAMPF MUSS WEITER GEHEN"

"Wir müssen weiter alle Anstrengungen unternehmen, damit  Kinderarbeit  aus der Welt verschwindet", erklärte die deutsche Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul anlässlich der Vorstellung des ILO-Berichts in Berlin. "Der Bericht zeigt: Ein Ende der Kinderarbeit ist möglich. Aber es ist noch ein langer Weg dorthin. Innerhalb der nächsten 10 Jahre ist es möglich, die ausbeuterischen Formen der Kinderarbeit zu beseitigen, wenn sich die bisherigen positiven Trends fortsetzen."

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat das Internationale Programm zur Abschaffung der Kinderarbeit (IPEC) der ILO seit Anfang der 90er Jahre mit bisher insgesamt 53 Mio. Euro gefördert.

Das Ende der Kinderarbeit - Zum Greifen nah. Gesamtbericht im Rahmen der Folgemaßnahmen zur Erklärung der IAO über grundlegende Prinzipien und Rechte bei  der Arbeit 2006, 97 Seiten, ISBN 92-2-716603-3

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? ILO
? Deutsche Welthungerhilfe
? Deutsches NRO Forum Kinderarbeit
? Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)


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