schlange bik-f 100Kathmandu. - Giftschlangen sind für Millionen Bauern in Nepal ein Gesundheitsrisiko. Biologen des Biodiversität und Klima Forschungszentrums in Frankfurt am Main, des Museums für Naturkunde in Berlin und Ärzte der Universitätskliniken Genf haben jetzt gemeinsam mit Forschern aus Nepal ein Handbuch veröffentlicht, das es erlaubt, die Tiere anhand von Farbfotos und Texten in der Landessprache Nepali und in Englisch zu identifizieren. Das Buch gibt außerdem Tipps für die Erste Hilfe und zur Behandlung von Schlangenbissen.

Wer an Nepal denkt, assoziiert damit zumeist den Himalaya, Trekking und den Mount Everest. Knapp die Hälfte der etwa 30 Millionen Einwohner Nepals lebt jedoch nicht im Gebirge, sondern in einem schmalen Streifen fruchtbaren Tieflands entlang der südlichen Grenze zu Indien – und es werden immer mehr. Dort, wo der für seine Nashörner, Elefanten und Tiger berühmte Chitwan-Nationalpark und andere Schutzgebiete liegen, tummeln sich aber auch einige der gefährlichsten Giftschlangen Asiens: verschiedene Arten von Kraits, Kobras und Kettenvipern.

Während Touristen solche Reptilien kaum jemals zu Gesicht bekommen, ist das Risiko für die einheimische Landbevölkerung erheblich. Und das nicht nur in den feucht-heißen Ebenen, sondern zunehmend auch in den Bergen. Auch der Schweizer Botschafter Thomas Gass fand schon einmal eine Schlange in seinem Garten in Kathmandu.

"Viele Menschen in Nepal verehren diese Tiere und fürchten sie zugleich", sagt Gass, der auch Leiter des Kooperationsbüros der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) in Nepal ist. "Tatsächlich sind Schlangen ja auch nützlich, weil sie viele Ratten und Mäuse fressen. So sichern sie Ernten und helfen bei der Bekämpfung nagetierübertragener Krankheiten. Leider sind ihre Bisse aber gleichzeitig eines der großen Gesundheitsprobleme im Alltag von Millionen Bauern in Nepal."

Weil die Bevölkerung viel zu wenig über die Giftschlangen weiß, hat die DEZA nun den Druck eines Buches gefördert, das es erstmals erlaubt, die gefährlichen Tiere anhand von Farbfotos und Texten zu identifizieren. Es liegt in der Landessprache Nepali und in Englisch vor. Das von Biologen des Biodiversität und Klima Forschungszentrums (BiK-F) in Frankfurt am Main, des Museums für Naturkunde in Berlin und Ärzten der Universitätskliniken Genf gemeinsam mit Forschern aus Nepal erstellte Handbuch enthält neben Beschreibungen von 18 Giftschlangenarten auch landesspezifische Hinweise zu Erster Hilfe und zur Behandlung von Schlangenbissen. Mit einer Erstauflage von 5000 Exemplaren soll es zur Information der Landbevölkerung und der Beschäftigten im Gesundheitswesen eingesetzt werden.

Das Autorenteam um Dr. Ulrich Kuch (BiK-F) und Prof. Sanjib K. Sharma vom B.P. Koirala Institute of Health Sciences in Dharan war dabei nicht nur wissenschaftlich, sondern auch sprachlich gefordert: "Wir dachten zuerst, die Informationen allgemeinverständlich auf möglichst wenigen Seiten zu komprimieren, sei die größte Hürde", sagt Kuch, Leiter der Nachwuchsgruppe "Aufkommende und vernachlässigte Tropenkrankheiten" des BiK-F. "Letztlich war die Übersetzung in unsere Landessprache aber der schwierigste Schritt", so Sharma. "Da wir eine ganz breite Leserschaft im ländlichen Raum erreichen wollen, von Dorfschulen bis hin zu Ärzten, war die Ausarbeitung der beschreibenden Texte auf Nepali die größte Herausforderung."

Die Bestandsaufnahme des derzeitigen Kenntnisstandes hat den Wissenschaftlern außerdem aufgezeigt, in welchen Bereichen weitere Forschung dringend nötig ist. Das gilt für medizinische Probleme ebenso wie für Fragen der Biodiversität. Beide sind hier untrennbar verbunden: "Mich als Arzt hat am meisten überrascht, dass es für einige sehr gefährliche Schlangenarten Nepals noch nicht einmal Fotos lebender Exemplare gibt, geschweige denn Analysen ihrer Gifte oder Untersuchungen zu deren Neutralisierbarkeit durch Antiseren," sagt Prof. François Chappuis, einer der Autoren aus der Abteilung für Internationale und Humanitäre Medizin der Universitätskliniken Genf.

Das wollen die Forscher nun ändern, indem sie Expeditionen zum Fang solcher Tiere mit klinischen und toxikologischen Untersuchungen verbinden. "Die Verbreitung und Lebensweise der Schlangen zu dokumentieren, ist dabei von zentraler Bedeutung für den Schutz der Menschen und für den Naturschutz", betont Frank Tillack vom Museum für Naturkunde in Berlin. Er hat das Land auf der Suche nach Grubenottern schon viele Male bereist und weiß: "Überall in Nepal gibt es da noch viel zu entdecken."

Nepals Gesundheitsminister Dr. Praveen Mishra lobte die langjährige erfolgreiche Zusammenarbeit der nepalesischen, deutschen und schweizerischen Forscher. Er kündigte an, das Buch im Rahmen von Aufklärungs- und Weiterbildungsmaßnahmen im ganzen Land an Gesundheitszentren, Krankenhäuser und Schulen verteilen zu lassen.

Foto: Weibchen der grünen Farbvariante der Tibet-Grubenotter (Himalayophis tibetanus). © Frank Tillack, Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F)

http://www.bik-f.de


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