totesmeer 150Berlin. - Zehn Milliarden Dollar soll ein gigantisches Wasserprojekt kosten, das das Tote Meer retten und zu einem Symbol für Frieden und Zusammenarbeit im Nahen Osten werden könnte. Kritiker befürchten allerdings, dass das Vorhaben gravierende negative ökonomische und ökologische Auswirkungen auf Jordanien, Israel und die palästinensische Westbank hätte und mit politischen Risiken verbunden wäre. Die Weltbank hat jetzt mehrere Studien veröffentlicht, die die Machbarkeit, die wirtschaftliche Tragfähigkeit, die ökologischen Folgen und die Alternativen prüfen.

Hauptziel des geplanten gemeinsamen Vorhabens ist es, das Tote Meer vor dem Austrocknen zu bewahren. Zurzeit sinkt der Wasserspiegel des Binnenmeeres jedes Jahr um etwa einen Meter. Die Fläche des Toten Meeres ist in den letzten Jahrzehnten um ein Drittel zurückgegangen. Hotels an der israelischen Küste, die früher direkt am Wasser standen, sind heute mehrere hundert Meter von der Wasserlinie entfernt.

Wenn nichts geschieht, ist absehbar, dass das Tote Meer bald wirklich tot sein wird. Dabei haben Wissenschaftler erst in jüngster Zeit im Detail nachgewiesen, dass dieses Meer trotz etwa 30 Prozent Salzgehalt keineswegs ökologisch tot ist, sondern dass sich eine Reihe von Pflanzen und Kleinlebewesen diesen extremen Lebensbedingungen angepasst haben. Veränderungen des Lebensraums können allerdings rasch zum Absterben dieser "Spezialisten" führen.

DER WASSERSPIEGEL SINKT STÄNDIG – UND JEDER WEISS WARUM

Die Ursachen des sinkenden Wasserspiegels des Toten Meers sind wissenschaftlich weitestgehend geklärt. Der Jordan, der einzige Zufluss des Toten Meers, liefert heute kaum mehr als ein Zehntel der Wassermenge von 1948, und dieses Wasser ist zudem stark durch ungeklärte oder unzureichend geklärte Abwässer belastet. Das frühere Gleichgewicht zwischen dem Zufluss von Wasser aus dem Jordan und der Verdunstung ist empfindlich gestört, seit Israel, Jordanien und Syrien immer mehr Wasser aus dem Jordan, dem See Genezareth und den Nebenflüssen des Jordan entnehmen.

Mit Abstand größter Nutzer des Wassers von See Genezareth und Jordan ist Israel. Aber die Appelle israelischer Umweltorganisationen, den Wasserverbrauch des Landes drastisch zu vermindern, verhallen bisher weitgehend ungehört. Nötig erscheinen den Umweltschützern vor allem eine Reduzierung der Wasserverschwendung in den Städten und eine Begrenzung der wasserintensiven Landwirtschaft.

Zum Absinken des Wasserspiegels des Toten Meers tragen auch die israelische und in kleinerem Umfang die jordanische Mineralwirtschaft bei. Sie gewinnen am Südende des Toten Meers große Mengen Magnesium, Kalium und Brom. Jedes Jahr werden dafür 650 Millionen Kubikmeter Meerwasser in riesige Becken geleitet, wo nach dem Verdunsten des Wassers die wertvollen Mineralien übrig bleiben.

Das Schrumpfen des Toten Meers hat gravierende Auswirkungen für Israel, die Westbank und Jordanien. Große Mengen wertvollen und knappen Grundwassers aus den Uferzonen strömen mittlerweile ins immer niedriger gelegene Tote Meer und verdunstet dort. Bisher wasserhaltige Bodenschichten in den Küstenregionen werden instabil und besonders in Jordanien entstehen immer neue Einsturztrichter. Mehr als 3.000 gibt es bereits davon, und jeden Tag kommt mindestens einer hinzu. Sie haben einen Durchmesser von einigen Metern und sind bis zu 20 Meter tief. Immer wieder versinken Esel oder Kühe in den Trichtern, auch Häuser werden zum Einsturz gebracht. Menschen sind ebenfalls gefährdet. Jordanische Dorfbewohner sprechen von "Todesfallen".

DAS TOTE MEER – BISHER KEIN MEER DES FRIEDENS

Eine Rettung des Toten Meeres wird dadurch sehr erschwert, dass die Probleme des Binnenmeers unauflöslich mit den politischen Konflikten in der Region verwoben sind. Eine aufeinander abgestimmte Politik zur Rettung des Meers scheiterte bisher an den Spannungen zwischen den Regierungen Israels und seiner Nachbarstaaten sowie zwischen Israelis und Palästinensern.

Etwa zwei Drittel des Westufers des Toten Meeres gehören zur Westbank, ein Drittel zu Israel. Seit 1967 kontrolliert Israel auch die Uferregionen der Westbank und verhindert, dass Palästinenser diese Gebiete wirtschaftlich nutzen oder auch nur betreten.

Ein breiter Küstenstreifen der Westbank gehört seit dem Abkommen von Oslo zur Zone C, also zu den Gebieten, die vom israelischen Militär kontrolliert werden und die von vielen israelischen Politikern inzwischen als dauerhafter Teil des eigenen Herrschaftsbereiches angesehen werden, in dem immer neue Siedlungen entstehen. Die Palästinenser können sich auf das internationale Recht berufen, das die Annexion besetzter Gebiete untersagt, aber das nützt ihnen angesichts der militärischen Übermacht Israels bisher wenig. Israel nimmt auch für sich in Anspruch, die neu entstandenen Landflächen allein zu kontrollieren, die durch den sinkenden Wasserspiegel und die damit verbundene veränderte Küstenlinie des Toten Meers entstanden sind.

PIPELINE MIT ÖKOLOGISCHEN UND POLITISCHEN RISIKEN

In den letzten Jahren wurden Pläne entwickelt, um fast zwei Milliarden Kubikmeter Wasser im Jahr aus dem Roten Meer zu pumpen. Das Wasser soll über ein 180 Kilometer langes Pipeline- und Tunnelsystem auf jordanischem Gebiet ins Tote Meer geleitet werden und dort zu einer deutlichen Erhöhung des Wasserspiegels führen. Die politisch Verantwortlichen in Jordanien, Israel und Palästina haben 2005 gemeinsam die Weltbank gebeten, in Gutachten zu klären, wie sich ein solches Projekt verwirklichen ließe.

Grundlage der Pläne ist es, dass das Tote Meer mehr als 420 Meter unter dem Meeresspiegel des Roten Meers liegt. Das Gefälle soll genutzt werden, um Elektrizität zu erzeugen, die vor allem dazu dienen soll, einen Teil des Wassers aus dem Roten Meer zu entsalzen und in den beteiligten Ländern als Trinkwasser zu nutzen. Neben der Rettung des Toten Meeres würde also auch eine Verbesserung der Trinkwasserversorgung erreicht.

Technisch gesehen scheint dies ein spannendes Vorhaben zu sein, aber es birgt ökologische Risiken. So wird der Salzgehalt des Toten Meeres durch den Zufluss des sehr viel salzärmeren Wassers aus dem Toten Meer wahrscheinlich sinken. Welche Folgen das hätte, ist umstritten und lässt sich vorab schwer klären. Auch könnte die Vermischung des sulfathaltigen Wassers des Roten Meers und des kalziumhaltigen Wassers des Toten Meeres zur Bildung von großen Mengen Gipskristallen führen. Wissenschaftler befürchten außerdem bei der Vermischung des Wassers von zwei sehr unterschiedlichen Meeren eine starke Algenbildung.

Umweltschützer weisen auf das Risiko hin, dass Lecks in den Pipelines mit dem salzigen Wasser des Roten Meeres zu einer Schädigung des ohnehin knappen Grundwassers der Region führen würden. Unterschiedlich beurteilt wird, welche Schädigungen der Korallenriffe vor der jordanischen Küste des Roten Meeres durch riesige Pumpanlagen entstehen. Solche Schädigungen würden auch den sich allmählich entwickelnden jordanischen Tourismus stark treffen. Zu all dem kommt noch hinzu, dass die Energiegewinnung und anschließende Meerwasserentsalzung nach Berechnungen von Umweltschützern die klimaschädlichen Emissionen Jordaniens etwa verdoppeln würden.

Schließlich fürchten Umweltschützer, dass die Pipeline-Lösung den Anrainerstaaten des Toten Meeres und des Jordans jeden Anreiz nehmen würde, Wasser zu sparen. Dabei löst die Pipeline bestenfalls einen kleinen Teil der Wasserprobleme der Region. Internationale Umweltschutzorganisationen wie "Global Nature Fund" bemühen sich seit Jahren um eine Wiederherstellung des Ökosystems des Jordan und um einen verantwortungsbewussten Umgang der Anrainerstaaten mit dem knappen Wasser.

DAS EXPERIMENT "GOTT ZU SPIELEN"

Unklar ist noch, wie die 10 Milliarden US-Dollar für das Wassertransfer-Projekt aufgebracht werden könnten, zumal noch 7,5 Mrd. Dollar für Infrastrukturvorhaben, die in Verbindung mit dem Projekt stehen, in den beteiligten Ländern finanziert werden müssten. Jordanien müsste allein zwei Milliarden Dollar in die Ausweitung der Wasserinfrastruktur investieren, um das zusätzlich gewonnene Trinkwasser auch tatsächlich nutzen zu können.

Als wirtschaftliches Problem kommt hinzu, dass das Trinkwasser aus den Meerwasserentsalzungsanlagen und dessen Transport zu den weit entfernt wohnenden Städten sehr teuer sein würden. Jordanische Umweltschützer rechnen mit einer Verdreifachung des Wasserpreises auf 2,70 Dollar je Kubikmeter, unbezahlbar für Millionen Arme des Landes.

Angesichts all dieser Risiken, von denen viele auch in den Studien der Weltbank für dieses Vorhaben erwähnt werden, fordert die Umweltschutzorganisation "Friends of the Earth" die Nutzung von Alternativen für die Stabilisierung des Toten Meeres, "ohne das Risiko eines Experimentes einzugehen, das darin besteht, 'Gott zu spielen', indem das Wasser von zwei Meeren gemischt wird, was wahrscheinlich zu irreversiblen Umweltschäden und zu politischer Instabilität aufgrund einer nie da gewesenen öffentlichen Verschuldung führen wird".

Die wichtigsten Alternativen sind eine Rehabilitierung des unteren Jordanflusses, konzertierte Maßnahmen zum Wassersparen, die Wiederaufbereitung von Abwasser und eine grundlegende Veränderung der Tätigkeit der Mineralindustrie am unteren Ende des Toten Meeres. Auch ein Ausbau der Meerwasserentsalzungsanlagen am Mittelmeer wäre eine Option. Solche Maßnahmen könnten rasch beginnen, würden auf bewährten Techniken fußen und wären zudem wesentlich billiger als das Pipeline-Projekt einschließlich seiner Nebenkosten. Lange Verhandlungen über das Milliardenvorhaben könnten solche Prozesse stark verzögern.

AUCH POLITIKER HABEN BEDENKEN

"Das Tote Meer ist ein einzigartiger, seltener Schatz der Natur, und wer eine überhastete Entscheidung trifft, die nicht auf abgesicherten Fakten und gründlichen Untersuchungen beruht, muss haften für eine vollständige Vernichtung der Natur und des gesamten Tourismus der Region." So äußerte sich der israelische Umweltminister Gilad Erdan, nachdem im Februar 2013 die Weltbankstudien vorlagen. Das Umweltministerium äußerte aufgrund israelischer Untersuchungen die Befürchtung, dass Bakterien und Algen einen üblen Geruch verbreiten und dass sich Gips bilden könnte.

Für die Entscheidungen der israelischen Politiker über das Projekt spielt sicher auch eine Rolle, dass die Entsalzung von Wasser aus dem Roten Meer so teuer sein wird, dass die Nutzung wirtschaftlich uninteressant für das Land ist. Zudem hat Israel mit gravierenden Wirtschafts- und Verschuldungsproblemen zu kämpfen, und so besteht wenig Interesse an einem Großprojekt, das zudem weitgehend auf jordanischem Boden verwirklicht würde. Auch verliert der ursprüngliche Gedanke einer "Friedensdividende" durch das Projekt angesichts der gegenwärtigen politischen Unsicherheiten und Risiken in der Region an Überzeugungskraft.

Für die palästinensische Politik hat das Vorhaben nur eine beschränkte Bedeutung, solange Israel sich weigert, die Autonomiegebiete auf die Uferregionen des Toten Meeres auszuweiten – und danach sieht es absolut nicht aus. Das zusätzliche Trinkwasser könnte zwar willkommen sein, aber nicht zu dem zu erwartenden hohen Preis. Es wäre keine attraktive Perspektive für die Palästinensische Autonomiebehörden, dass sich Israel weiterhin riesige Mengen Grundwasser von der Westbank aneignet, die Wassernutzung der Palästinenser stark einschränkt und diese dann zu einem hohen Preis das Wasser aus den Meerwasserentsalzungsanlagen in Jordanien kaufen müssten.

Für Jordanien bietet das Milliardenprojekt auf den ersten Blick die meisten Vorteile, allerdings auch die größten Risiken. Diese Risiken sind nicht nur ökologischer, sondern auch politischer Art. Wenn sich in den kommenden Jahren die israelisch-arabischen Beziehungen weiter verschlechtern sollten, und dafür spricht viel, dann kann das Kooperationsprojekt zu einer großen Belastung für die jordanische Politik werden. Außerdem stünde das Land kurzfristig vor der Schwiergen Aufgabe, zusätzlich Milliardenbeträge für das Pipeline-Projekt und die ergänzende Infrastruktur aufzubringen.

KEIN "SYMBOL DES FRIEDENS"

Inzwischen drängt sich der Verdacht auf, dass das Projekt vor allem deshalb zu einem "Symbol des Friedens" erklärt wird, damit wie von der Weltbank erhofft annähernd fünf Milliarden Dollar Entwicklungsgelder fließen. Aber die Fassade des "Symbols" bröckelt schon, bevor das Projekt überhaupt begonnen wurde. So sieht sich die palästinensische Seite bei den Verhandlungen an den Rand gedrängt, was vom israelischen Minister für Regionalentwicklung, Silvan Shalom, mit dieser Bemerkung zurückgewiesen wurde: "Wenn die palästinensischen Behörden sich uns anschließen möchten, sind sie sehr willkommen. Aber die wirklichen Partner sind Israel und Jordanien." Diese Haltung lässt schwerlich eine harmonische Zusammenarbeit der drei Beteiligten an einem "Symbol des Friedens" erwarten.

So ist zu vermuten, dass trotz der gegenwärtigen intensiven Konsultationsprozesse noch viele Jahre lang (wenig) Wasser den Jordan hinunterfließen wird, bis das Projekt verwirklicht werden könnte. Und ob die politischen Verhältnisse in der Region dann überhaupt noch ein solches gemeinsames Vorhaben zulassen, ist ungewiss. Eigentlich ist nur sicher, dass das Projekt vielen internationalen Unternehmen lukrative Aufträge verspricht – und das war auch schon in anderen Fällen (nicht nur im Nahen Osten) eine gewichtige Begründung für die Verwirklichung gigantischer Vorhaben.

Foto: © WikiMedia, EvgeniT

Frank Kürschner-Pelkmann arbeitet als freier Journalist und betreibt u.a. die Website http://www.wasser-und-mehr.de


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