ILOGenf (epo). - Trotz eines weltweiten Wirtschaftswachstums werden immer weniger neue Arbeitsplätze geschaffen, die zur Armutsminderung beitragen könnten. Dies ist das wichtigste Ergebnis der vierten Auflage der "Schlüsselindikatoren des Arbeitsmarkts" (Key Indicators of the Labour Market"), die die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) am Freitag in Genf vorstellte. Der Bericht zeigt auch, "dass die Hälfte aller Arbeitnehmer weltweit derzeit nicht mehr als zwei US-Dollar am Tag verdient - zu wenig, um über die Armutsgrenze hinauszukommen", so die ILO.

"Aus diesem Bericht lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass die Schaffung besserer Arbeitsplätze und höherer Einkommen für Arbeitnehmer derzeit für die Politik keine Priorität hat", sagte ILO-Generaldirektor Juan Somavia. "Bisher hat der Globalisierungsprozess nicht zur Schaffung von ausreichenden und nachhaltigen Arbeitsplätzen und menschenwürdiger Arbeit beigetragen. Das muss sich ändern. Die Schaffung menschenwürdiger Arbeit muss ein zentrales Ziel aller Wirtschafts- und Sozialpolitik sein."

Während die wirtschaftliche Expansion in einigen Regionen Asiens laut ILO zu einem soliden Beschäftigungswachstum und zur Verbesserung der Lebensbedingungen geführt hat, sieht sich in Teilen Afrikas und Lateinamerikas eine steigende Anzahl von Menschen verschlechterten Arbeitsbedingungen gegenüber, insbesondere im Agrarsektor.

Selbst wo neue Arbeitsplätze geschaffen werden, bringen diese für Millionen von Arbeitnehmern kein ausreichendes Einkommen, um die Armutsgrenze zu überwinden. Oft liegen sie auch weit unterhalb des Niveaus, auf dem Arbeit als befriedigend und produktiv bezeichnet werden kann, so die ILO. Die Anzahl der berufstätigen Frauen und Männer, die mit weniger als zwei US-Dollar am Tag auskommen müssten, sei in der letzten Dekade mit 1,38 Milliarden Menschen nicht geringer geworden. "Wenigstens ist relativ gesehen diese Einkommensgruppe mit einem Anteil an der globalen Beschäftigung von knapp unter 50 Prozent im Vergleich zum Jahre 1994 kleiner geworden, als der Anteil noch bei 57 Prozent lag", so die ILO.

Der Bericht basiert auf der Analyse von 20 Schlüsselindikatoren des Arbeitsmarktes, sowohl quantitativen Indikatoren wie Erwerbsbevölkerung, Arbeitslosigkeit, Beschäftigungselastizität, sektorale Beschäftigung und Arbeitsproduktivität als auch qualitativen Indikatoren wie Arbeitszeit, Löhne, Beschäftigungsstatus und Dauer der Arbeitslosigkeit.


DOKUMENTATION:

Wichtige Ergebnisse im Einzelnen (Wortlaut):

I. WIRTSCHAFTSWACHSTUM FÜHRT NICHT ZU MEHR BESCHÄFTIGUNG

In den vergangenen Jahren schwächte sich der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Schaffung von Beschäftigung ab. Das heißt, Wachstum bringt nicht automatisch neue Arbeitsplätze.

Der im Bericht untersuchte Indikator der Beschäftigungselastizität zeigt den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und zwei weiteren zum Wachstum beitragenden Variablen, nämlich der Änderung der Beschäftigung und der Produktivität. Demnach stieg in den Jahren 1999 bis 2003 für jeden zusätzlichen Prozentpunkt des Bruttoinlandsprodukts (BIP) die weltweite Beschäftigung nur um 0,3 Prozentpunkte. Damit ist die Zuwachsrate, die zwischen 1995 und 1999 noch bei 0,38 Prozentpunkten lag, spürbar rückläufig.

Noch relativ beschäftigungsintensiv war das Wachstum im Nahen Osten und in Afrika, mit Beschäftigungszuwächsen zwischen 0,5 und 0,9 Prozentpunkten für jeden zusätzlichen Prozentpunkt, den das BIP anstieg. Ein Blick auf andere Indikatoren zeigt jedoch, dass der größte Anteil des Beschäftigungswachstums dieser Region in die Kategorie "selbständig" fällt ? und diese umfasst zum großen Teil Beschäftigte in der informellen Wirtschaft, wo die Arbeitsbedingungen meist sehr schlecht sind. So ist in Afrika südlich der Sahara die Zahl der Arbeitenden, die von weniger als einem US-Dollar pro Tag leben, zwischen 1998 und 2004 auf 28 Millionen Menschen gestiegen.

Im Gegensatz hierzu war die wirtschaftliche Expansion in Ostasien ausreichend, um Beschäftigungswachstum und höhere Produktivität zu schaffen und dadurch die hohe Armutsrate dieser Region zu verringern. Lateinamerika verzeichnete hingegen einen Rückgang des Beschäftigungswachstums zwischen 1999 und 2003. Gleichzeitig stieg die Anzahl der arbeitenden Armen (ein US-Dollar pro Tag) auf 4,4 Millionen.

In Westeuropa wie auch in Nordamerika hat der Dienstleistungssektor das kräftigste Wachstum zu verzeichnen ? sowohl hinsichtlich der Wertschöpfung als auch beim Beschäftigungswachstum. Zwischen 1991 und 2003 wuchs die Beschäftigung um 0,57 Prozentpunkte für jedes zusätzliche Prozent Wachstum im Dienstleistungssektor in Nordamerika und um 0,62 Prozentpunkte in Westeuropa.

II. LOHNUNGLEICHHEIT NIMMT WELTWEIT ZU

Zwischen 1991 und 2000 stiegen weltweit die Löhne für höher qualifizierte Berufe schneller als für gering qualifizierte. Obwohl dieses Ergebnis nicht auf eine generelle Verschlechterung der Löhne für niedrig qualifizierte Arbeitnehmer schließen lässt, so lässt sich hieraus dennoch eine größer werdende Lohnungleichheit zwischen Hochund Geringqualifizierten in den 90er Jahren ablesen.

Die Konkurrenzfähigkeit der Hochlohnländer wird jedoch nicht unmittelbar durch die geringeren Lohnkosten anderswo auf der Welt bedroht, denn Länder mit ausgesprochen geringen Lohnkosten weisen üblicherweise auch eine deutlich niedrigere Produktivität auf. Der Bericht zeigt auf, wie Konkurrenzfähigkeit durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren ? Arbeitskosten, Produktivität und auch Wechselkurse ? determiniert wird.

Die Untersuchung der Konkurrenzfähigkeit anhand des Lohnstückkosten-Indikators ergibt unter anderem folgende Ergebnisse:

  • In den 15 alten EU-Staaten sind es nicht so sehr die hohen Arbeitskosten als vielmehr die geringere Produktivität im produzierenden Gewerbe und die Aufwertung des Euro, die die Konkurrenzfähigkeit der Region im Vergleich zu den Vereinigten Staaten geschwächt hat.
  • In Südkorea hat sich die Arbeitsproduktivität relativ zu den USA verbessert, doch sind auch die Lohnstückkosten aufgrund von hohen Lohnzuwächsen in den frühen 90er Jahren gestiegen.
  • Die Vereinigten Staaten haben unter anderem auf Grund langer Arbeitszeiten die höchste Arbeitsproduktivität gemessen an der Wertschöpfung pro beschäftigter Person. Trotz hoher Produktivitätswachstumsraten in einigen europäischen Ländern, insbesondere den neuen EU-Ländern, nimmt der Produktivitätsabstand zwischen den USA auf der einen Seite und der EU und vielen anderen Industrieländern auf der anderen Seite weiter zu. Nach wie arbeiten die meisten europäischen Arbeitnehmer weniger und haben längeren Urlaub als ihre amerikanischen Kollegen.

In den Ländern Zentral- und Osteuropas führte der Übergang zur Marktwirtschaft zu einer höheren Produktivität, aber auch höherer Arbeitslosigkeit. Die neuen EU-Mitgliedsstaaten verfügen über einen erheblichen Konkurrenzvorteil angesichts von Lohnstückkosten, die nur annähernd 70 Prozent des US-Niveaus erreichen. Doch die Bevölkerung profitiert, was Arbeitsplätze oder Löhne angeht, von der höheren Konkurrenzfähigkeit nicht. Die Region hat eine der höchsten Arbeitslosenraten weltweit zu verzeichnen und viele derjenigen, die keine Arbeit haben, haben die Suche nach einem Arbeitsplatz aufgegeben, wie die hohe Quote der Inaktivität in dieser Region zeigt.

III. WEITERE ERGEBNISSE:

  • Bei der Beteiligung am Arbeitsmarkt holen Frauen gegenüber den Männern weltweit weiter auf. Dennoch sind Frauen überproportional oft auf gering bezahlten, wenig produktiven und Teilzeitarbeitsplätzen zu finden.
  • Extreme Armut ist in Afrika weiter auf dem Vormarsch, während sie in Asien und Zentral- und Osteuropa rückläufig ist.
  • Im Schnitt ist die Arbeitslosenrate bei Jugendlichen mindestens zweimal so hoch als die der Erwachsenen. In manchen Ländern ist die Analphabetenquote bei den Erwachsenen höher als bei Jugendlichen; dies legt nahe, dass Jugendliche zunehmend besser auf den Arbeitsmarkt vorbereitet sind.
  • Industrieländer einschließlich der EU sehen sich einer wachsenden nicht genutzten Arbeitsmarktreserve gegenüber. Dies schließt Menschen ein, die arbeitslos sind und unfreiwillige Teilzeitarbeiter, die eine Vollzeitstelle suchen. In Frankreich und Italien etwa erreicht 2004 die Quote dieser Un- und Unterbeschäftigten 21 Prozent, nach 17 Prozent vor zehn Jahren in Frankreich und 12 Prozent in Italien.

Key Indicators of the Labour Market

Key Indicators of the Labour Market, 4. Auflage Genf 2005, CD-ROM-Version ISBN 92-2-017568-1. Preis: 45 Euro. Die Buchausgabe wird im April 2006 vorliegen.


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