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Der Afrikastein. Foto: WendtBerlin (epo.de). - In dem Getöse um den Berliner Flughafen Tempelhof, der vermutlich noch bis zum Oktober lärmende und luftvergiftende Fluggeräte aufnimmt, bleiben Merkwürdigkeiten in seiner unmittelbaren Umgebung ziemlich stumm. Zum Beispiel der "Afrikastein." Zwei Generationen nach dem Untergang der Kolonialmetropole Berlin ist er das einzige Denkmal, das an die deutsche Besatzungszeit im heutigen Namibia erinnert. Der rötliche Granitfindling, in den die Kaiserkrone und der Südwester mit Kokarde eingeritzt sind, wurde von der Afrika-Kameradschaft Berlin (AKB), die zum Deutschen Afrika-Korps e.V. gehört, restauriert. Aber es gibt auch Proteste gegen das Denkmal, das den 90.000 Opfern der deutschen Kolonisierung nicht gedenkt. Ein Kommentar von Johannes Wendt.



In Tempelhof stoßen widersprüchliche Welten aufeinander. Auf das Gestapogefängnis und das KZ, in dem politische Gegner der Nazis seit dem Frühjahr 1933 zu tausenden gefoltert und ermordet wurden, weist seit 1994 eine Skulptur auf der anderen Seite des Columbiadammes hin. Die Häftlinge waren 1936 nach Sachsenhausen gebracht worden, weil das KZ Columbia dem Flughafen im Weg stand. In unmittelbarer Nähe des Rosinenbombers, der an die Blockade von 48/49 erinnert, befindet sich der historische türkische Friedhof vor der neugebauten Sehitlik-Moschee. Sehitlik heißt Märtyrer und erinnert weniger an die frühen und späten osmanischen Botschafter, die hier ihre letzte Ruhe fanden, als vielmehr an die schwer verwundeten Soldaten der türkischen Armee, die im Ersten Weltkrieg zur medizinischen Behandlung nach Berlin gebracht wurden, aber nicht gerettet werden konnten und hier bestattet wurden.

Das Grundstück mit den Gräbern und der Moschee gehört noch heute dem türkischen Kriegsministerium. Das exterritoriale Gelände, das auch Wasch-, Tee- und Speiseräume sowie einem Devotionalienladen Platz bietet, wird umringt von dem Garnisonsfriedhof, in dem seit dem 19. Jahrhundert die Überreste preußischer Offiziere begraben sind. Auch sie werden - zum Teil mit monströsen Denkmälern im Stil der Zeit - als Martyrer verehrt. Sie starben - dulce et decorum - den "Heldentod fürs Vaterland".

Unweit der 1861 errichteten "Feierhalle" liegt die zentrale Weihestätte. Unter Stahlhelm, Lorbeer und zerbrochenem Schwert breitet sich ein Leichentuch, aus dem sich die Faust eines Kriegers reckt. Der kriegerische Bildhauer Franz Dorrenbach arbeitete die Skulptur 1925 aus einem 500 Zentner schweren Granitblock heraus, der unter schwierigsten Umständen vom Ochsenkopf im Fichtelgebirge losgeschlagen und zu Tal befördert worden war, und versah sie mit der Vergil entlehnten Inschrift: "Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor!" (Aus unseren Gebeinen möge anderen ein Rächer erstehen). Sie wurde Ende 1946 getilgt - vermutlich aus Furcht vor den Siegermächten. Ein anderer Spruch sollte bleiben und ist bis heute auf dem monströsen Gebilde zu lesen: "Wir starben für Deutschland, auf dass Deutschland lebe. So lasst uns leben in Euch!"

Das möchte alljährlich am Volkstrauertag - ganz so, als wäre er noch immer der "Heldengedenktag", zu dem er 1934 für elf dunkle Jahre mutierte, - eine Armada konservativer bis rechtsextremistischer Vereine: die Gestrigen, die hier nach Ewigkeit suchen und ihren Helden die Aufwartung machen. Man staunt, dass es sie noch gibt: den Kyffhäuserbund, den Stahlhelm, die Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger, die HIAG (Hilfsgemeinschaft der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS) und andere, unter die sich schlagende Verbindungen, NPD und DVU und auch Reservistenverbände der Bundeswehr mischen.

Weiterhin aktiv ist auch der Traditionsverband ehemaliger Schutz- und Überseetruppen, der freilich von der Zentrale zum Rand des Gräberfeldes strebt. Dort liegt ein rötlicher Granitfindling, in den die Kaiserkrone und der Südwester mit Kokarde eingeritzt sind. Auf einer Mamorplatte werden die Namen von zwei Leutnants, einem Grenadier und vier Füselieren festgehalten, die in der Zeit vom Januar 1904 bis zum März 1907 in der Kolonie Südwestafrika "den Heldentod starben". Zunächst stand der Stein auf einem früheren Kasernengelände in Kreuzberg. 1973 ließ die Afrika-Kameradschaft Berlin (AKB), die zum Deutschen Afrika-Korps e.V. gehört,  den schweren Klotz restaurieren, auf der linken Seite mit dem AKB-Wappen versehen, einer grüner Palme auf rotem Grund plus Eisernem Kreuz, und zum Garnisonsfriedhof in Neukölln transportieren. Dort wurde er noch um einen steinernen, kanonenkugelgroßen Rundling  ergänzt - mit dem Ziel, das Gedenken auf die deutschen Soldaten auszudehnen, die in den beiden Weltkriegen in Afrika gefallen sind.

Das Ensemble firmierte nunmehr als "Afrikastein" und ist zwei Generationen nach dem Untergang der Kolonialmetropole Berlin das einzige Denkmal, das an die deutsche Besatzungszeit im heutigen Namibia erinnert, und zwar ausschließlich aus der Täterperspektive; denn mit dem neuen Namen war auch der Hinweis auf die 90.000 Opfer, die der Kolonialkrieg unter den Herero, Nama, Damara und San vor hundert Jahren forderte, gänzlich getilgt. Sie wurden von den deutschen Truppen in die Omaheke-Wüste getrieben und verreckten, Frauen und Kinder eingeschlossen. So hatte es der dem deutschen Kaiser direkt unterstellte Kommandeur Lothar von Trotha, der vor seinem Einsatz in Südwestafrika den Boxeraufstand in China niedergeknüppelt hatte, ausdrücklich befohlen. Die wenigen Überlebenden wurden in eines der 18 Konzentrationslager getrieben und zur lebensvernichtenden Fronarbeit für das deutsche Kolonialregime verdammt. 80 % der Herero und die Hälfte der Nama wurden umgebracht. Historiker konstatieren den "ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts". Davon sieht und hört man nichts auf dem Garnisonsfriedhof und auch nicht auf der Website des Traditionsvereins, so sehr er - heuchlerisch - beteuert, die geschichtliche Forschung vorantreiben zu wollen.

Vermutlich hätte die seltsame Friedhofstille unter dem Lärmpegel des benachbarten Flughafens angehalten, hätte nicht die hundertste Wiederkehr des Tages, an dem im August 1904 mit der Schlacht am Waterberg das Massenmorden begann, auch hier die Erinnerungen wachgerufen. Der Berliner Entwicklungspolitische Ratschlag (BER) enthüllte vor dem Afrikastein eine Tafel, die auf den Völkermord hinwies. Redner war der Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, Hans-Christian Ströbele, der inzwischen viel gelernt hatte. Noch drei Jahre zuvor hatte er von einer "unbelasteten" Vorreiterrolle Deutschlands im notwendigen Dialog mit Afrika fabuliert und damit eine weit verbreitete Amnesie gespiegelt. Die deutschen Kolonialverbrechen wurden selbst unter linken Internationalisten kaum zur Kenntnis genommen.

Dem Forschungsstand hatte sich unterdessen auch die Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Heidemarie Wieczorek-Zeul, angenähert, als sie sich unter Tränen während einer Gedenkstunde in Namibia für den Völkermord entschuldigte und damit die peinliche Serie ablöste, in der sich bislang hochrangige Namibia-Besucher aus der Bundesrepublik - von Bundeskanzler Kohl über Bundespräsident Herzog bis zum Außenminister Fischer - allenfalls ein beflissenes Bedauern samt der Bitte um Versöhnung und der Zusage besonderer Entwicklungshilfen abgerungen hatten.

Freilich waren auch Heidemaries Tränen nicht viel mehr als mediengerechte Krokodilstränen; denn die "Entschuldigung" war nach Absprachen mit dem Auswärtigen Amt durch den absurden Zusatz "im Sinne des Vaterunsers" konditioniert. "Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern!" Wenn diese Gebetsformel auf die Kolonialgeschichte angewandt wird, kommt sie den apologetischen Versuchen der "Schutztruppen", die aufständischen Hereros für die Gräuel verantwortlich zu machen, bedenklich nahe.

So weit wollte und will die Ministerin nicht gehen. Aber sie hängt noch immer an der frommen Klausel; denn sie relativiert die "Entschuldigung". Sie soll nicht den Entschädigungsansprüchen entgegenkommen, die von den Herero-Nachfahren seit Jahren gegen die Bundesrepublik - als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches - und gegen deutschen Firmen und Banken angestrengt werden, die an der Ausbeutung und Vernichtung ihrer Vorfahren beteiligt waren. Inzwischen hat das Parlament in Windhuk das Begehren einmütig unterstützt. Der Deutsche Bundestag wehrt ab. Der Fraktion der Linken, die eine Wiedergutmachung beantragt hat, halten z.B. Sozialdemokraten scheinheilig vor, das Leid der Opfer politisch zu instrumentalisieren.
 
Im Sommer 2004 verschwand die BER-Tafel vom Garnisonsfriedhof in Neukölln schon nach einer Woche. Es folgten bisweilen kabarettreife Bemühungen verschiedener Instanzen um eine historische Korrektur des anachronistischen Heldengedenkens. Der Beirat Entwicklungszusammenarbeit, der den Berliner Senat berät, animierte die Bezirksverordnetenversammlung in Neukölln zu einer dauerhaften Lösung. Nach einer Debatte, die streckenweise die finsteren Hottentotten-Sprüche im Deutschen Reichstag kopierte, billigte die BVV mit einer linken Mehrheit und gegen den Widerstand der CDU und der FDP den SPD-Antrag, eine Gedenktafel für die Opfer des kolonialen Vernichtungskrieges vor dem Afrikastein aufzustellen.

Der Text musste sorgfältig mit dem Auswärtigen Amt, dem Entwicklungsministerium und der Senatsverwaltung abgestimmt, also abgeschwächt werden. Keinesfalls sollte das entschädigungsrelevante Wort vom "Völkermord" auftauchen. Man einigte sich auf die Vokabel "Niederschlagung". Sie soll politisch unverfänglich sein und verdreht dabei die historischen Dimensionen des kolonialen Vernichtungskrieges, an dessen Opfer doch eigentlich erinnert werden sollte.

Dann fragte sich das für die öffentlichen Gräber zuständige, zunächst von einer CDU-Stadträtin dirigierte Grünflächenamt, aus welchem Budget die Tafel denn zu finanzieren sei. Fast schon ein Wunder, dass nach über einem Jahr des Hinhaltens nicht nur ein steriler Satz zustande kam, sondern auch ein billiger Bildhauer und ein Haushaltsposten über 2000 € für sein Werk gefunden wurden. Die Plakette sollte im Jahr 2006 enthüllt werden. Sie trägt auch dieses Datum. Aber seitdem lagert sie hinter abgestellten Fahrrädern auf einem Flur der Neuköllner Friedhofsverwaltung - weitab von dem Bestimmungsort. Angeblich lassen sich kein prominenter Politiker und kein rechtes Datum für den Festakt finden. Und der Bezirksbürgermeister wird manchmal krank. Zur Zeit ist der Herbst 2008 im Gespräch.

Inzwischen ist von unbekannter Hand der kleine Rundling entfernt worden, der den Gefallenen des deutschen Afrika-Korps zugedacht war. "Das Gesindel hat ihn gestohlen", heißt es in der Zentrale des Traditionsvereins. Der Herero-Stein ist also wieder allein und trägt noch die Spuren roter Farbe, mit denen wütende Demonstranten ihn jährlich im Gedenken an die blutigen Opfer deutscher Kolonialverbrechen übergießen. Die Reinigungskosten trägt der Bezirk.  

Johannes Wendt


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