population boom poster 230Berlin. - Seit rund 200 Jahren streiten sich die Gelehrten, wie viele Menschen unser Planet verträgt. Ein neuer Film will jetzt mit der Vorstellung aufräumen, die "Bevölkerungsexplosion" sei die wichtigste Ursache für Armut, Hunger, knapper werdende Rohstoffe und Konflikte in der Welt. Der österreichische Dokumentarist Werner Boote stellt mit "Population Boom" die berechtigte Frage: "Wer oder was treibt dieses Katastrophen-Szenario an?" Und: "Wer von uns ist zuviel?"

Seit Thomas Robert Malthus 1798 in seinem "Essay on the Principle of Population" postulierte, das Bevölkerungswachstum bedrohe das Überleben auf der Erde, weil die Produktion von Nahrungsmitteln linear zunehme, die Menschheit aber exponentiell, ist das Thema auf der Agenda der Untergangsszenarien. Der Pfarrer Malthus hielt jeden Menschen, der sich nicht selbst ernähren kann oder "wenn die Gesellschaft seine Arbeit nicht nötig hat", für "zu viel auf der Erde".

1968 veröffentlichte der US-Biologe Paul R. Ehrlich sein Buch "Die Bevölkerungsbombe", in dem er voraussagte, dass die Sterberate in den 1970-er Jahren massiv ansteigen und hunderte Millionen Menschen verhungern würden. Tatsächlich sank die Sterberate von 13 pro tausend Erdbewohnern im Zeitraum 1965–1974 auf elf im Zeitraum 1980–1985, zehn im Zeitraum 1985–1990 und neun im Zeitraum 2005–2010. Die Tragfähigkeit der Erde berechnete Ehrlich auf 1,2 Milliarden Menschen - heute leben mehr als sieben Milliardenauf der Erde. Der Systemtheoretiker Cesare Marchetti hingegen glaubte, der Planet vertrage eine Billion Menschen - durch "Gartenstädte" und Mikroorganismen, die Lebensmittel erzeugen.

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Laut einer Studie der Welternährungsorganisation (FAO) muss die Agrarproduktion bis zum Jahr 2050 im Vergleich zu 2005 um 70 Prozent gesteigert werden, wenn neun Milliarden Menschen ernährt werden sollen. Hans Herren, einer der Hauptautoren des Weltagrarberichts, hält die Prognosen der FAO für unsinnig und erklärt: "Schon heute könnte man 14 Milliarden Menschen ernähren. Doch unsere Landwirtschaft produziert Futter- statt Nahrungsmittel." (ebd.)

EUROPAS ÖKOLOGOSCHER FUSSABDRUCK

Werner Bootes Film verweist darauf, dass für die Erzeugung einer Tasse Kaffee 4,3 Quadratmeter Land benötigt werden und für die Fertigung eines Laptops zehn Quadratmeter Land. "Jährlich werden 120 Millionen Hektar Land zur landwirtschaftlichen Nutzung außerhalb Europas benötigt, um die Lebensmittel und Konsumgüter für Europa zu erzeugen. Das entspricht in etwa 1,5 Mal der eigenen Fläche von Europa oder einer Fläche vierzehnmal so groß wie Österreich." Beim Gesamt-Flächenbedarf liegt Europa mit 640 Millionen Hektar – nach den USA mit 900 Millionen Hektar –an zweiter Stelle. Der "Land-Footprint" Europas ist in Wirklichkeit aber noch viel größer, wenn man den Zuwachs an Agrotreibstoff- und Biomasse-Importen ab 2004 mitrechnen würde.

Die Nachfrage in Europa steht aber in einigen der nach Europa exportierenden Länder in direkter Konkurrenz zur Selbstversorgung. Diese können oft neben dem Export nicht einmal die Produktion von Grundnahrungsmitteln und die Gewinnung von Ressourcen auf den eigenen Flächen sicherstellen. Durch "Land Grabbing" eignen sich nationale Eliten oder nationale und internationale Unternehmen zudem Flächen zur Produktion für den Export an, die oft jahrhundertelang von der lokalen Bevölkerung bestellt worden waren. Mit der enormen Landnutzung werden auch die massiven negativen Umweltauswirkungen der Produktion unserer Lebensmittel und Konsumgüter in die Erzeugerländer ausgelagert: Böden werden überdüngt und ausgelaugt, giftige Pestizide belasten die Umwelt, Urwälder werden in Agrarland umgewandelt, schädliche Chemikalien zur Gewinnung von Bodenschätzen eingesetzt ...

WURZEL ALLEN ÜBELS?

Die Stiftung "Der Klub Der Zehn Millionenen" in den Niederlanden ist dennoch davon überzeugt: "Die Überbevölkerung stellt eine der wesentlichsten Ursachen für die meisten Probleme weltweit dar. Ob es nun um den Mangel an Nahrungsmitteln, Trinkwasser oder Energie geht, jedes Land der Welt sieht sich damit konfrontiert oder wird in Zukunft vor dieses Problem gestellt." Die Stiftung, die die Website overpopulationawareness.org betreibt, sieht die Gefahr, dass die Weltbevölkerung in den nächsten Jahrzehnten auf acht bis zehn Milliarden Menschen anwächst. "Dann ist es wahrscheinlich, dass immer mehr Länder ihre eigenen Produkte selbst benötigen. Schließlich kann unser Erdball nur für vier Milliarden Menschen die Lebensqualität bieten, die wir in der Europäischen Union gewöhnt sind. Bei acht bis zehn Milliarden Menschen wird die Wohlfahrt pro Person auf globaler Ebene sinken, bis wir das Niveau eines armen Bauern erreicht haben, der kaum noch in der Lage ist, sich selbst zu versorgen und der keinen Wohlstand kennt. Wir müssen somit alles ehrlich teilen, um Auseinandersetzungen oder Kriege zu vermeiden."

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Weiter heißt es: "Der Mensch hat das Bestreben, immer mehr Wohlstand zu wollen. In aller Welt nimmt die Zahl der Pkws und Kühlschränke weiter zu. Irgendwann erreichen wir den Zeitpunkt, an dem das Bevölkerungswachstum und die Zunahme des Wohlstands miteinander in Konflikt geraten. Dadurch besteht eine ziemlich große Gefahr, dass dann unzählige Menschen auf der Suche nach Nahrung und Wohlstand über den Globus ziehen werden."

So weit, so gut. Doch das Beispiel Europa zeigt auch, dass mit steigendem Wohlstand das Bevölkerungswachstum abflacht oder, wie in Deutschland, die Bevölkerung sogar schrumpft. Das verschweigen die niederländischen Stifter, die immerhin erstmal bei sich selbst anfangen und die Zahl der Holländer von 17 auf zehn Millionen "und dann später wahrscheinlich zu einer noch niedrigeren Zahl" verringern wollen.

Laut den jüngsten Prognosen der Vereinten Nationen wird sich das Wachstum der Weltbevölkerung abschwächen und nach 2062 bei rund zehn Milliarden Menschen nahezu stabilisieren. Tatsächlich flacht das Bevölkerungswachstum Jahr für Jahr ab:

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Quelle: Worldometers


Der Biogeograf Camilo Mora von der University of Hawaii wertete rund 200 aktuelle Studien aus und kam zu dem Ergebnis, die Weltbevölkerung steige noch vor dem Jahr 2050 von derzeit sieben Milliarden Menschen auf neun bis zwölf Milliarden an. Das werde massive Herausforderungen in fast allen gesellschaftlichen und ökologischen Bereichen verursachen. So müssten allein aufgrund der demografischen Entwicklung in der nächsten Dekade weltweit 640 Millionen neue Jobs geschaffen werden. Zwar entstehe dadurch auch mehr Nachfrage, aber die Produktivität steige aufgrund des technischen Fortschritts noch schneller und gefährde zunehmend Arbeitsplätze. Die dadurch wachsende Arbeitslosigkeit belaste die Sozialetats der betroffenen Länder und erhöhe deren Verschuldung.

Zudem werde der Nahrungsmittelbedarf bis 2050 um 70 bis 100 Prozent steigen, die Frischwasservorräte der Erde würden knapp und die sich ausdehenende Landwirtschaft zerstöre bislang unberührte Natur und die Artenvielfalt. Der Wissenschaftler fordert chinesische Methoden der Bevölkerungspolitik: Jede Frau dürfe nur noch ein Kind bekommen.

Mora übersieht, dass weltweit nur dann 640 Millionen Jobs geschaffen werden müssen, wenn wir weiter wirtschaften und konsumieren müssen wie bisher. Wenn die Menschheit arbeiten würde um zu leben, und nicht leben um zu arbeiten, sähe die Rechnung anders aus. Denn viele Güter werden nur hergestellt - und damit Ressourcen verbraucht -, weil der Konsum die Lebensfreude kompensieren muss, die durch Arbeitsteilung und durch Entfremdung von Natur und Mitmenschen verloren gegangen ist. Gegen Produktivitätszuwachs und steigende Arbeitslosigkeit gäbe es auch ein Mittel: ein öffentlich finanziertes Grundeinkommen.

Die niederländische Stiftung hat den richtigen Weg vorgegeben: Der Reichtum und die Ressourcen dieser Welt müssen gerecht geteilt werden. Da die meisten Reichen auf den schnöden Mammon nicht freiwillig verzichten werden, hilft nur eines: der Globalisierung des Geldes und des Warenverkehrs muss die Globalisierung der Menschen folgen.

Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=aYYAXT1fs7g



POPULATION BOOM läuft seit 27. März 2014 in diesen Kinos.

Buch & Regie: Werner Boote
Schnitt: Emily Artmann
Kamera: Dominik Spritzendorfer
2. Kamera: Mario Hötschl
Ton: Andreas Hamza
Musik: Karwan Marouf
Regieassistenz: Linda Hambrusch
Produktionsbüro: Barbara Kern

Fotos: © Population Boom


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