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Berlin. - Mit einem Aufruf und einer Geldspende unterstützen zahlreiche Prominente die demokratische Selbstverwaltung in den kurdischen Gebieten Nordsyriens. Aufgrund der Angriffe des Islamischen Staates (IS) auf die Gemeinden Westkurdistans und der Kämpfe um die Stadt Kobanê sei es "allerhöchste Zeit, nicht nur von der Solidarität mit den Menschen in Rojava zu reden, sondern sie auch in die Tat umzusetzen", heißt es in einem Aufruf von KünstlerInnen, AutorInnen, WissenschaftlerInnen und anderen Persönlichkeiten, der am Dienstag in Berlin veröffentlicht wurde.

Die Unterzeichner des Aufrufs erklärten ihre Solidarität mit der "Kommune von Rojava", wie die Kurden Westkurdistan nennen, weil sie ein hoffnungsvoller Versuch sei, die Spaltungen entlang ethnischer und religiöser Linien im Nahen Osten zu überwinden. In dem Aufruf heißt es weiter: "Mit unserer Unterschrift spenden wir für die Selbstverteidigungskräfte YPG/YPJ in Rojava und rufen alle auf, dies ebenfalls zu tun.

Seit drei Jahren entsteht in den überwiegend kurdischen Gebieten Nordsyriens (Westkurdistan oder "Rojava") ein politisches System demokratischer Selbstverwaltung. Die Bevölkerung organisiert sich in eigenen Versammlungen und Räten, um ihr Leben über ethnische und religiöse Unterschiede hinweg gemeinsam zu gestalten. Frauen spielen dabei eine zentrale Rolle und sind maßgeblich an der Gestaltung des Gemeinwesens beteiligt. "Selbstverteidigungskräfte" Rojavas, darunter auch viele Frauen, verteidigen dieses Projekt seit Monaten gegen heftige Angriffe von Seiten des sogenannten Islamischen Staates (IS). 

Die Vertreterin des "Verbandes der Studierenden aus Kurdistan", Sodzar Sevim, berichtete am Dienstag in Berlin, in den selbstverwalteten kurdischen Gebieten werde der Versuch unternommen, "eine "radikale Basisdemokratie aufzubauen". Die Gemeinden hätten Räte gewählt und auch religiöse Gruppierungen hätten Vertreter in die Kommunalversammlungen entsandt. Nicht die sogenannten "staatenlosen" Kurden, sondern die Staaten seien das Problem. 

Das Volk der Kurden wurde infolge der Kolonisierung und der beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert auf vier Staatsgebiete aufgeteilt. Heute leben Kurden in der Türkei, in Syrien, im Iran und im Irak. Von diesen Staaten seien viele durch eine radikale Assimilierungspolitik zur Aufgabe ihrer Rechte und Sprache gezwungen worden. Aber auch die kurdischen Kämpfer im Nordirak (Peschmerga) hätten Westkurdistan im Stich gelassen und die Bevölkerung im Schengal-Gebirge der Terrorgruppe Islamischer Staat überlassen.

Im Rojava-Gebiet gebe es genügend Kämpfer zur Selbstverteidigung, sagte Sevim, aber sie hätten mit ihren veralteten Waffen den gut ausgerüsteten Kräften des IS wenig entgegenzusetzen. Bisher seien die 150 Peschmerga, die von der türkischen Regierung aus Druck der USA nach Kobane gelassen werden sollen, noch nicht angekommen. Hinter den Kulissen werde noch immer verhandelt. Insgeheim nehme die türkische Regierung aber verwundete IS-Kämpfer auf und lasse sie in der Türkei medizinisch behandeln. 

Die Initiative zur Unterstützung der kurdischen Selbstverteidigungskräfte "Solidarität mit Rojava" unterzeichneten bereits mehr als 80 prominente Persönlichkeiten, darunter die Schriftsteller Klaus Theweleit, Ilja Trojanow und Dietmar Dath, die ProfessorInnen Rahel Jaeggi und Ulrich Brand oder der Publizist Micha Brumlik. Prof. Joseph Vogl, Literatur- und Kulturwissenschaftler an der Humboldt-Universität in Berlin, begründet seine Teilnahme mit den Worten: "Ich unterstützte den Aufruf, weil er nicht durch Feindseligkeiten motiviert ist, sondern durch die Verteidigung der Leute, die schlicht 'ein Leben' führen wollen." 

Die Initiatoren und Erstunterzeichner haben in einem ersten Schritt 21.000 Euro für die kurdische Selbstverwaltung in Nordsyrien gesammelt. Dies soll der Auftakt einer längerfristigen, internationalen Kampagne mit dem Titel "Solidarität mit Rojava. Wer, wenn nicht wir? Wann wenn nicht jetzt?" sein. Mit der Kampagne soll die Öffentlichkeit "für die Gefahren, denen das kurdische Gebiet momentan ausgesetzt ist, sensibilisiert werden und Unterstützung für die betroffenen Kurdinnen und Kurden organisiert werden". 

Unterstützung erhält die Kampagne von der Berliner Initiative "NachtLeben für Rojava". Berliner Clubs, Bars und Veranstaltungsorte wollen ab 1. November die Spendensammlung unterstützen, indem sie einen kleinen Aufschlag auf den Eintrittspreis oder die Getränke erheben oder einen Kunstgegenstand versteigern. "Das Berliner Nachtleben ist bekannt für Freiheiten und Ausschweifungen", sagte Jan, einer der Unterstützer aus der Club-Szene. "Da sehen wir Parallelen. Wir wollen die Leute aufklären und zum Mitmachen motivieren." 

Zu den ErstunterzeichnerInnen des Aufrufs gehören unter anderem: Bini Adamczak, Autorin, Berlin; Prof. Elmar Altvater, Berlin; Audiolith, Musiklabel Hamburg; Prof. Micha Brumlik, Erziehungswissenschaftler, Frankfurt am Main; Dietmar Dath, Schriftsteller und Journalist, Freiburg; Prof. Dr. Frank Deppe, Marburg; Diedrich Diederichsen, Kulturwissenschaftler; Thomas Ebermann, Publizist, Hamburg; Prof. Wolfgang Fritz Haug, La Palma; Prof. Dr. Rahel Jaeggi, Institut für Philosophie, Humboldt Universität Berlin; Zuhat Kobanê, Europavertreter der "Partei der Demokratischen Union" (PYD); Prof. Dr. Verena Krieger, Kunsthistorisches Seminar, Friedrich-Schiller-Universität Jena; Dirk von Lowtzow, Musiker (Tocotronic); Hanna Mittelstädt, Verlegerin, Edition Nautilus, Hamburg; Turgut Öker, Vorsitzender der Alevitischen Union Europa (AABK); Fanny-Michaela Reisin, Präsidentin der Internationalen Liga für Menschenrechte; Wolfgang Schorlau, Autor und Schriftsteller, Stuttgart; Tom Strohschneider, Chefredakteur Neues deutschland; TickTickBoom (Hip-Hop-Kollektiv mit Sookee u.a.); Klaus Theweleit, Autor und Schriftsteller, Freiburg; Ilija Trojanow, Schrifsteller.

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Karten: Wikimedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Kurdistan#mediaviewer/File:Umgriffe_Kurdistans.png 
http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5 
http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5/deed.de 

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