aerzte ohne grenzenBerlin. - Die Crew des Rettungsschiffes "Ocean Viking" hat bei den maltesischen und italienischen Seenotrettungsleitstellen die Zuweisung eines sicheren Ortes zur Ausschiffung der Geretteten an Bord angefragt. Die 356 Männer, Frauen und Kinder waren bei vier Rettungen an vier aufeinanderfolgenden Tagen im zentralen Mittelmeer von den Teams der Hilfsorganisationen Ärzte ohne Grenzen und SOS Mediterranee aufgenommen worden. Die beiden Rettungsleitstellen sind die nächstgelegenen, die angesichts ausbleibender Antworten der libyschen Behörden in Bezug auf einen sicheren Hafen helfen können.

"Die Körper einiger Geretteter zeigen erschütternde Anzeichen physischer Gewalt aus der Zeit in Libyen. Die Menschen sind auch psychisch gezeichnet", berichtete Jay Berger, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen an Bord der "Ocean Viking". "In Libyen herrscht ein bewaffneter Konflikt, und viele gefährdete Flüchtlinge und Migranten sind in Internierungslagern nahe der Front gefangen. Wir fragen nun einen sicheren Ort an, um die schutzbedürftigen Menschen auf unserem Schiff ohne Verzögerung an Land gehen zu lassen. Sie haben genug gelitten."

Obwohl die Crew die libyschen Behörden vor und während allen vier Rettungen zwischen Freitag und Montag kontaktiert hat, hätten diese nicht auf die Seenotmeldungen reagiert. Die libysche Leitstelle (Libyan Joint Rescue Coordination Centre, JRCC) habe lediglich erklärt, die Geretteten sollten nach Libyen zurückgebracht werden. Das Zurückbringen von Menschen in ein Konfliktgebiet, in dem sie akuter Gefahr ausgesetzt sind, sei jedoch völkerrechtswidrig, so Ärzte ohne Grenzen. SOS Mediterranee und Ärzte ohne Grenzen wollen unter keinen Umständen Menschen nach Libyen zurückbringen. Die "Ocean Viking" ist daher nun auf dem Weg nach Norden, ohne dass ihr bisher ein sicherer Hafen zugewiesen wurde.

"Wir haben die Menschen nur retten können, weil unsere Crew unentwegt das Gebiet abgesucht hat. Die für die Seenotrettung zuständigen Behörden haben keine Informationen mit uns geteilt", sagte Nick Romaniuk, Rettungskoordinator von SOS Mediterranee an Bord der "Ocean Viking". "Nur einmal konnten wir Funkkontakt mit einem der drei EU-Flugzeuge herstellen, die nach Schlauchbooten in Seenot Ausschau hielten. Die staatlichen Stellen räumen augenscheinlich ihrer Pflicht, Menschenleben zu retten, keine Priorität ein."

Die allermeisten der geretteten Menschen an Bord berichteten, dass sie während ihrer Flucht zum Opfer willkürlicher Inhaftierungen, Erpressung, Folter oder Zwangsarbeit unter sklavenähnlichen Bedingungen geworden seien. "Die Menschen, darunter auch Minderjährige, haben mir berichtet, wie sie misshandelt wurden", sagte Luca Pigozzi, Arzt an Bord der "Ocean Viking". "Sie wurden mit Elektroschocks gefoltert, mit Gewehren und Stöcken geschlagen und mit geschmolzenem Plastik verbrannt." Von den 103 Minderjährigen auf der "Ocean Viking" werden nur elf von einem Elternteil oder einer anderen Bezugsperson begleitet.

"Der Bundesregierung kommt eine besonders wichtige Rolle zu, für die Geretteten einen sicheren Hafen zu finden. Wir fordern sie auf, im Rahmen einer europäischen Lösung auch selbst Aufnahmeplätze anzubieten", erklärte Florian Westphal, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland. "Insbesondere, weil die europäischen Staaten ihrer Pflicht der Seenotrettung nicht selbst nachkommen, müssen sie sich jetzt dafür einsetzen, dass die Geretteten möglichst schnell in Sicherheit gebracht werden. Die Schutzsuchenden brauchen einen sicheren Ort und eine menschenwürdige Versorgung."

"Ich bin erschüttert angesichts dieser unerträglichen Situation im Mittelmeer. Die Rettungen der vergangenen Tage haben gezeigt, wie wichtig es ist, dass Rettungsschiffe vor Ort sind. Die geretteten Menschen an Bord berichteten uns von weiteren Booten, die zur gleichen Zeit die libysche Küste verlassen haben. Wo sind diese Menschen jetzt?" fragte David Starke, Geschäftsführer von SOS Mediterranee in Deutschland. "Angesichts einer fehlenden europäischen Antwort auf die humanitäre Tragödie im Mittelmeer müssen einzelne EU-Staaten jetzt vorangehen und erreichen, dass die 356 Männer, Frauen und Kinder an einem sicheren Ort von Bord gehen, so wie es die internationalen Seerechtsübereinkommen vorschreiben."

Quelle: www.aerzte-ohne-grenzen.de 


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