Rema

Berlin (epo.de). - Armutsbekämpfung mit Hilfe der Sonnenenergie? Das Rezept klingt einfach. Sonnenenergie haben die meisten Entwicklungsländer schliesslich im Überfluss. Aber Dr. Harald Schützeichel ist überzeugt, dass sein Ansatz auch funktioniert. Und man sollte ihn ernst nehmen. Der Organist, Theologe, Philosoph und Unternehmensberater ist einer der Pioniere der deutschen Solarindustrie. Mit seiner "Stiftung Solarenergie" bildet er in Äthiopien Elektrotechniker zu Solartechnikern aus. Und er ist nicht gekommen um zu bleiben. In fünf Jahren will er die Solarwirtschaft des ostafrikanischen Landes soweit angestossen haben, dass seine Stiftung sich dem nächsten afrikanischen Land widmen kann.

Schützeichels Projekt fiel aus den klassischen Entwicklungshilfe-Rastern, so dass der Zuschuss aus dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) wegen fehlender Förderfähigkeit ausblieb. Sponsoren sprangen ein, darunter die Q.Cells AG aus Bitterfeld-Wolfen, der weltgrößte Hersteller von Solarzellen. "Die Herangehensweise der Stiftung ist genau richtig", sagt Jochen Frenck, Abteilungsleiter Technologie bei Q.Cells, bei der Vorstellung des Projekts in Berlin. "Es geht nicht darum, den Leuten Solaranlagen zu schenken und sie dann damit allein zu lassen, sondern eine tragfähige Struktur aufzubauen."

Die ersten 24 äthiopischen Techniker haben ihre Ausbildung abgeschlossen und beginnen nun in verschiedenen Regionen Äthiopiens mit dem Verkauf von Solaranlagen. Das dazu nötige betriebswirtschaftliche Know-how haben ihnen äthiopische Ausbilder beigebracht, das technische Wissen in den dreimonatigen Kursen haben deutsche Solarenergie-Experten beigesteuert. Eine von ihnen, Christina Peters aus der Abteilung Forschung und Entwicklung bei Q.Cells, ist davon überzeugt, dass die Investitionen sich auf für das eigene Unternehmen rechnen. "Die Arbeit hier zeigt zum einen, was die Solarenergie gerade in ärmeren Ländern leisten kann. Und es geht ja auch um die Märkte von übermorgen."

GOOD ENERGIES WICHTIGSTER FINANZIER

Die Q.Cells-Experten sind begeistert von dem Projekt, und der Konzern, der bislang rund 100.000 Euro und das Know-how der Mitarbeiter beigesteuert hat, will sich finanziell weiter engagieren. Die Stiftung ist auf Spenden angewiesen, denn mit den Erträgen des  Stiftungskapitals (130.000 Euro) kann nicht viel bewegt werden. Die Stadtwerke Basel, Conrad Electronic und das Schweizer Investmentunternehmen "Good Energies", größter Anteilseigner bei Q.Cells, sind die wichtigsten Spender.

Hinter Good Energies mit Sitz im Schweizer Steuerparadies Zug - Marktwert mehr als drei Milliarden Euro - stehen die Brenninkmeijers, die Erben der Bekleidungskette C&A. Good Energies-Gründer und Vorstandsvorsitzender Marcel Brenninkmeijer verriet kürzlich SPIEGEL Online: "Wir verfügen über rund 350 Millionen Euro pro Jahr, um neu zu investieren."

Die Stiftung Solarenergie setzt im Vergleich dazu "Peanuts" ein. Auf rund 800.000 Euro beläuft sich der Jahresetat, etwa 80.000 Euro kostet die "International Solar Energy School" (ISES). Aber Schützeichel setzt auf die Konzentration der Mittel und eine Art Kettenreaktion. Nicht ein oder zwei Schulen will er mit Solaranlagen versorgen, sondern "einige tausend Hütten". So entstand das "Solar Village Rema", wo die auszubildenden Solartechniker 1.100 strohbedeckte Hütten mit Solarmodulen ausrüsteten. Diese bringen rund vier Stunden lang Energie - und der Tag hat sich für die Äthiopier somit um einen halben Arbeitstag verlängert. Sonnenenergie ersetzt das zunehmend unerschwinglich werdende Kerosin, nicht teure Batterien oder ein lärmender Dieselgenerator, sondern sauberer Solarstrom betreibt Fernseher und Radios.

Nur ein Prozent der ländlichen Bevölkerung Äthiopiens hat bislang Zugang zu moderner Energie. Energieformen wie Öl, Kohle oder Gas,  sind technisch für die verstreuten Siedlungen Afrikas ungeeignet, ist Schützeichel überzeugt. "Ihre Vorräte gehen weltweit zur Neige und schliesslich stürzen sie ein Land nur in neue wirtschaftliche Abhängigkeiten von Energieimporten."

{mosimage} Schützeichel hofft auf eine Initialzündung, die letzlich in eine äthiopische Solarwirtschaft mündet, die auch und gerade ländlichen Regionen Chancen bietet. Die Solartechniker könnten solar betriebene Kühlgeräte installieren, etwa um Medikamente zu konservieren. Denkbar und bereits angedacht sind der Bau von LED-Lampen und die Fabrikation von Solarmodulen. In zwei bis vier Jahren sollen rund hundert "Solarcenter" in Äthiopien der Sonnenenergie zum Durchbruch verhelfen.

Schützeichel hat da viel Phantasie, schliesslich hat der 48jährige mit der Freiburger S.A.G Solarstrom AG innerhalb von wenigen Jahren ein börsennotiertes Unternehmen mit 70 Mitarbeitern auf die Beine gestellt. Doch es gibt Hürden, etwa die hohen äthiopischen Importzölle für Solarmodule in Höhe von 35 Prozent. Und es sind Finanzierungsinstrumente wie Mikrokredite notwendig, damit sich die Leute die Solaranlagen leisten können. Mit Karlheinz Böhms Stiftung Menschen für Menschen hat man freilich einen in Äthiopien anerkannten Partner zu Seite.

Energie ist eine wichtige Grundlage für Bildung, Gesundheit und Entwicklung. Und Äthiopien hat ebenso wie andere arme Länder des Südens, die bislang kaum Anteil an der weltweiten Ressourcenverschwendung und wenig Mitschuld am Klimawandel haben, ein "Recht auf Entwicklung". Das betont auch der Referatsleiter Umwelt und nachhaltige Ressourcennutzung im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Frank Fass-Metz, bei der Vorstellung des Projekts: "Ohne Energie gibt es keine Entwicklung." In Äthiopien hat nur jeder Siebte Zugang zu Elektrizität. Weltweit sind es zwei Milliarden Menschen, denen der Zugang zu moderner Energie fehlt.  

Solarstrom zu haben, zeigt Wirkung in Rema. Die zeitaufwendige Suche nach Brennholz erübrigt sich zumindest teilweise. Eine Produzentin von Steinöfen kann länger arbeiten und mit dem zusätzlichen Geld ihre Familie besser versorgen. Eine einfache Lampe ermöglicht es einer anderen Frau, abendliche Weiterbildungskurse zu geben. Und die Zahl der Bars in dem 5.500 Einwohner Ort, rund 250 Kilometer nördlich der Hauptstadt Addis Abeba, hat sich seit der Installation der Solarpanele verdoppelt. Licht macht offenbar geselliger - und durstiger.

Foto: Solardorf Rema in Äthiopien. © Stiftung Solarenergie

www.solar-energy-foundation.org
www.q-cells.com
www.goodenergies.com
www.solarstromag.net


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