cop15Brüssel/Berlin (epo.de). - Bei den Klimaverhandlungen muss sich die internationale Staatengemeinschaft nach Ansicht von Bundeskanzlerin Angela Merkel möglichst noch im ersten Halbjahr 2010 auf ein rechtlich bindendes Abkommen einigen. Der Klimagipfel im Dezember in Kopenhagen solle das "politische Bekenntnis" dafür schaffen, erklärte Merkel nach Gesprächen mit Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy und dem dänischen Premier Lars Lokke Rasmussen in Brüssel. Führende Klima- und Politikberater der Bundesregierung mahnten am Freitag indes einen erfolgreichen Abschluss der Konferenz in Kopenhagen an.

Kanzlerin Merkel machte am Rande des Europäischen Ratstreffens in Brüssel deutlich, die Staatengemeinschaft müsse sich bis Mitte 2010 zu völkerrechtlich verbindlichen und konkreten Reduktionszielen verpflichten und Verabredungen über die finanziellen Lastenverteilungen treffen. Das Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll, das 2012 ausläuft, sollte ursprünglich beim Klimagipfel vom 7. bis 18. Dezember in Kopenhagen beschlossen werden. In den vergangenen Wochen hatten sich jedoch die Anzeichen verdichtet, dass es noch zu viele Differenzen gibt.

"Wir wollen einen Erfolg in Kopenhagen", sagte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy. Der Grundlagenbeschluss müsse bereits verbindliche Regeln, Zahlen und konkrete Reduktionsziele beinhalten. "Europa tut viel, aber es muss in allen Teilen der Welt Bewegung geben." Auch Merkel betonte, die Schwellenländer müssten sich als kommende Industrienationen ebenfalls ambitionierte Ziele setzen. Europa werde die Entwicklungsländer beim Klimaschutz aber nach Kräften unterstützen. Rasmussen zeigte sich zuversichtlich, dass ein ambitioniertes, politisch verbindliches Abkommen möglich sei.

POLITIK MUSS SICH IHRER VERANTWORTUNG STELLEN

Führende Klima- und Politikberater der Bundesregierung mahnten am Freitag einen erfolgreichen Abschluss der Konferenz in Kopenhagen an. Die Menschheit brauche ein ambitioniertes Kyoto-Folgeabkommen mit klaren und verbindlichen Klimagasminderungszielen. "Neben Rettungspaketen für Banken oder Autobauer braucht die Welt einen Rettungsschirm für das Weltklima", sagte Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes. "Kopenhagen muss mehr bringen als reine Absichtserklärungen. Ich bin zuversichtlich, dass das mit genügend politischem Willen klappen wird; abgerechnet wird am letzten Tag der Konferenz, bis dahin ist eine Einigung möglich."

Kopenhagen müsse alle wesentlichen Bestandteile eines Abkommens festlegen: "vertragsfest, nicht mehr verhandelbar und naturwissenschaftlich begründet", forderte Flasbarth. "Faule Kompromisse darf es nicht geben, denn ein aus dem Ruder gelaufenes Klimasystem kann die Menschheit in seinen ökologischen, ökonomischen und sozialen Konsequenzen nicht mehr einfangen. Wir dürfen uns in Kopenhagen deshalb nicht nochmals vertagen. Die Klimakrise nimmt keine Rücksicht darauf, wenn wir unseren Zeitplan nicht einhalten!"

"Die Hinweise aus der Wissenschaft häufen sich, dass sich die Menschheit bedenklich nahe an kritische Kipppunkte im Klimasystem heranbewegt, selbst bei einer Erderwärmung unter zwei Grad Celsius", betonte Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. "Die Politik muss sich in Kopenhagen endlich ihrer Verantwortung stellen und das Risiko gefährlichen Klimawandels begrenzen. Alles andere wäre eine politische Bankrotterklärung."

Für eine Zwei-Drittel-Chance, das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten, dürften insgesamt nur noch 750 Milliarden Tonnen CO2 aus fossilen Quellen in die Atmosphäre gelangen, mahnten die Forscher. Ausgehend von heutigen Emissionen wäre dieses Budget bereits in 25 Jahren ausgeschöpft. Der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen müsse bis 2050 deshalb um deutlich mehr als die Hälfte gegenüber 1990 reduziert werden. Die Industrieländer seien gefordert, ihre Emissionen sogar um mindestens 80 Prozent zu senken.

Diese Ziele seien realistisch nur zu erreichen, wenn die Trendumkehr der globalen Treibhausgasemissionen vor 2020 erfolgt. Selbst wenn die Emissionen ab 2015 sinken würden, bedeutete dies eine notwendige Emissionsminderung von fünf Prozent pro Jahr. Das Kyoto-Protokoll verlangte von den Industrienationen eine Minderung in der gleichen Größenordnung, allerdings binnen zwanzig Jahren.

"Als Orientierung sollte eine Obergrenze für die bis zum Jahr 2050 global noch verbleibende Gesamtemissionsmenge an Kohlendioxid vereinbart werden, die in fairer Weise und nach Bevölkerungszahl auf die einzelnen Länder zu verteilen wäre", sagte Dirk Messner, stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen. "In jedem Fall muss in Kopenhagen die Verabschiedung von Alibizielen vermieden werden."

HILFE FÜR OPFER DES KLIMAWANDELS

Die im "Katholischen Arbeitskreis Not- und Katastrophenhilfe" (KANK) zusammengeschlossenen Hilfswerke und Organisationen, darunter Misereor, Caritas und Malteser, forderten am Freitag deutlich stärkere Anstrengungen zur Reduzierung der Treibhausgase. Hier seien vor allem die Industriestaaten gefordert. Diese müssten zudem vom Klimawandel besonders betroffene Menschen und Länder finanziell unterstützen.

Der Leiter von Caritas international und Sprecher des KANK, Oliver Müller, wies darauf hin, Projektpartner in den Katastrophenregionen würden immer wieder auf das Verursacherprinzip hinweisen. "Demnach müssen die für den Klimawandel hauptsächlich verantwortlichen Länder auch für die Schäden aufkommen, die der Klimawandel schon jetzt in den besonders betroffenen Entwicklungsländern verursacht." Hinzu kämen die Kosten, die in den Entwicklungsländern bei der Katastrophenvorsorge entstünden. "Dabei gilt die Faustregel, dass 1 Euro für die Katastrophenvorsorge 7 Euro für die Katastrophenhilfe erspart, vom menschlichen Leid einmal ganz abgesehen", so Müller.

Die Mitglieder des KANK stellten klar, dass es nicht um Almosen, sondern um Gerechtigkeit gehe. Sie fordern die Bundesregierung auf, den Entwicklungsländern in Kopenhagen zusätzlich zur Entwicklungshilfe ausreichend finanzielle Unterstützung anzubieten, damit sie die Folgen des Klimawandels bewältigen könnten. Bis zum Jahr 2020 müssten diese Mittel auf mindestens sieben Milliarden Euro jährlich ansteigen.

Der globale Klimawandel, so die kirchlichen Organisationen, führe zu immer häufigeren und heftigeren Naturkatastrophen, zu Stürmen und sintflutartigen Regenfällen, zu Dürren und Überschwemmungen. Er zerstöre damit natürliche Lebensgrundlagen, verschärfe die Armut, untergrabe die Entwicklungsanstrengungen und verstärke so die weltweite Ungerechtigkeit.

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