somalia_mogadishu_technical_150Göttingen (epo.de). - Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) hat sich skeptisch zu Plänen geäußert, somalische Piraten vor deutsche Gerichte zu stellen. "Dies mag zwar ein Gefühl von Gerechtigkeit geben, zur Eindämmung der Piraterie vor Somalias Küste wird es jedoch nichts beitragen", sagte GfbV-Afrikareferent Ulrich Delius am Montag in Göttingen.

"Genauso absurd wäre es, einen Taschendieb zu verhaften, um ein Mafia-Kartell zu zerschlagen", sagte Delius weiter. "Solange die internationale Gemeinschaft weder entschieden gegen die Hintermänner der Piraten vorgeht noch die Verelendung von immer mehr Somalis wirksam bekämpft, werden Piraten ihr Unwesen betreiben." Rund ein Viertel der Bevölkerung Somalias sind der GfbV zufolge Flüchtlinge, mehr als 1,4 Millionen Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht, 570.000 haben in Nachbarstaaten Schutz gesucht.

Schon im April 2009 hatte US-Außenministerin Hillary Clinton angekündigt, die Drahtzieher der Piraterie zur Rechenschaft zu ziehen. "Doch bis heute gibt es keine konkrete Initiativen, den Hintermännern der Piraten das Handwerk zu legen", kritisierte Delius. Dabei fehle es nicht an Hinweisen auf die Verantwortlichen. Die "Somalia Beobachtungsgruppe der Vereinten Nationen" habe in einem im März 2010 veröffentlichten detaillierten Report an den Weltsicherheitsrat dem Präsidenten und dem Innenminister des quasi-unabhängigen nordsomalischen Staates Puntland vorgeworfen, Drahtzieher der Piraten zu decken. Nach Aussagen von Piraten sollen die Führer Puntlands 30 Prozent der Lösegeldsummen als Bestechung erhalten.

Bekannte Drahtzieher der Piraten, wie der 44 Jahre alte Abshir Abdillahi (genannt "Boyah"), könnten sich frei in Puntland bewegen, ohne dass die Behörden einschreiten, kritisierte die GfbV. Boyah habe im Mai 2009 sogar an einer offiziellen Feier lokaler Behörden teilgenommen, auf der er öffentlich der Piraterie abschwor. Er befehlige aber noch immer rund 500 Piraten.

In Zentralsomalia gelten laut GfbV Mohamed Hassan Abdi (genannt "Afweyne") und sein Sohn Abdiqaadir als bedeutende Hintermänner der Piraten. Sie sollen auch für die Entführung des deutschen Schiffes "Hansa Stavanger" verantwortlich gewesen sein. Trotzdem habe Afweyne auf Einladung von Staatschef Gaddafi im September 2009 unbehelligt nach Libyen reisen können. Auch Wirtschaftskreise in Dubai, Saudi-Arabien und in London sollen in die Piraterie verstrickt sein.

Die GfbV verwies darauf, rund 30 Mafia-ähnlich organisierte Kartelle heuerten in Somalia verarmte Fischer und arbeitslose Jugendliche als Piraten an. "Die Piraten sind sowohl Opfer als auch Täter", erklärte Delius. "Ohne einen Zugriff auf ihre Hinterleute ist ihre Verhaftung nutzlos. Denn zehn neue Arbeitslose stehen bereit, um den Platz des Festgenommenen einzunehmen."

www.gfbv.de

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