iloBerlin (epo.de). - Die Lohnzuwächse haben sich aufgrund der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise weltweit annähernd halbiert. Dem am Mittwoch in Berlin vorgestellten Lohnbericht ("Global Wage Report 2010/2011") der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zufolge legten die Reallöhne 2009 im weltweiten Durchschnitt nur noch 1,6 Prozent zu – nach 2,8 Prozent 2007 vor Ausbruch der Krise. Im Krisenjahr 2008 stiegen die Löhne weltweit um lediglich 1,5 Prozent.

Noch deutlicher wird die Auswirkung der Krise auf die Löhne laut ILO, wenn die Zahlen für China, die sich nach der offiziellen chinesischen Statistik nur auf bestimmte staatsnahe Betriebe beziehen, unberücksichtigt bleiben: Ohne China beschränkte sich der Zuwachs der Löhne weltweit im Jahr 2009 auf nur 0,7 Prozent und 0,8 Prozent in 2008. In den G20-Staaten (ohne China) waren für 2008 und 2009 jeweils sogar nur 0,5 Prozent Lohnsteigerung zu verzeichnen.

"Dieser Bericht zeigt die andere Seite der Krise: Die Rezession hatte nicht nur dramatische Auswirkungen für Millionen von Arbeitnehmern, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, sondern auch für viele von denen, die ihren Job behalten haben", sagte ILO-Generaldirektor Juan Somavia. "Ihre Kaufkraft wurde durch die Krise beschnitten und ihre Lebensqualität vermindert."

"Stagnierende oder rückläufige Löhne behindern in vielen Ländern die konjunkturelle Erholung", so Somavia weiter. "Wir leben in einer Welt mit unzureichender gesamtwirtschaftlicher Nachfrage bei zugleich anhaltend hoher Arbeitslosigkeit. Die Wirtschaftspolitik muss ihren Schwerpunkt auf Beschäftigung und angemessene Entlohnung legen. Dies ist nicht nur für die wirtschaftliche Erholung entscheidend, sondern auch für die Bekämpfung sozialer und ökonomischer Ungleichgewichte." Dem Bericht zufolge zählt die schwache Nachfrage infolge der mäßigen Lohnentwicklung neben anderen Faktoren mit zu den Auslösern für die Finanz- und Wirtschaftskrise.

Die schwache Lohnentwicklung weltweit während der Krise ist dem Bericht zufolge allerdings nur ein Teil eines länger anhaltenden Trends. Der Anteil der Löhne am Volkseinkommen ist demnach langfristig rückläufig, die Löhne wachsen längst nicht mehr im Schritt mit der Produktivität, und die Einkommensunterschiede werden größer. So hat in mehr als zwei Dritteln der Länder, über die entsprechende Zahlen vorliegen, der Anteil der Geringverdiener (weniger als zwei Drittel des mittleren Lohnniveaus) zugenommen, so auch in Deutschland. Und in 17 von 30 untersuchten Ländern ist der Abstand zwischen den Bevölkerungszehnteln mit dem jeweils höchsten und dem niedrigsten Einkommen gewachsen.

Der Bericht untersucht, welchen Beitrag Mindestlöhne in den unteren Einkommensbereichen leisten können, um ein Auseinanderklaffen der Einkommensschere zu verhindern. Ein gesetzlicher Mindestlohn gilt in rund 90 Prozent aller Staaten. Etwa die Hälfte dieser Länder hat ihren Mindestlohn in der Krise erhöht, um die Kaufkraft der ökonomisch schwächsten Mitglieder der Gesellschaft zu schützen. Tarifverhandlungen, Mindestlöhne und eine geeignete Lohnpolitik sind der ILO zufolge wichtige Bausteine, um zu Einkommenszuwächsen und damit einer nachhaltigen Konjunkturerholung zu gelangen.

gr. Foto: Metallarbeiter in Äthiopien © GTZ

www.ilo.org

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