zuckerruebenBerlin. - Im Rahmen der Internationalen Grünen Woche diskutieren am Samstag Agrarminister aus aller Welt die angespannte Lage auf den Weltgetreidemärkten und die Rolle der Finanzmärkte. Die deutsche Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) will die Spekulation mit Grundnahrungsmitteln eindämmen. Oxfam begrüßt den Vorstoß der Ministerin. "Wenn Spekulanten auf steigende Preise wetten, setzen sie Menschenleben aufs Spiel", sagte Oxfams Agrarexpertin Marita Wiggerthale. Die Heinrich-Böll-Stiftung und Misereor fordern sofortige Maßnahmen gegen die Spekulation mit Nahrungsmitteln.

"Mehr als 100 Millionen Menschen mussten im Jahr 2008 hungern, weil Spekulanten den Preisanstieg anheizten und auf hohe Gewinne setzten", erklärt Wiggerthale. Oxfam fordere daher von der Bundesregierung, bei den anstehenden EU-Finanzmarktreformen und im G20-Prozess Regeln zu formulieren, die exzessive Spekulation mit Nahrungsmitteln unterbinden.

"Gelockerte Finanzmarktregeln in den USA haben die Spekulation mit Getreide angeheizt und die Preisexplosion bei Nahrungsmitteln befördert", sagt Wiggerthale. Die von Banken aufgelegten Indexfonds im Agrarbereich entwickelten sich zur attraktiven Anlage, insbesondere für Pensionsfonds, Versicherungen und Staatsfonds. "Wer auf Indexfonds setzt, will von steigenden Agrar- bzw. Getreidepreisen profitieren", so Wiggerthale. Auch Hedgefonds mischten kräftig mit. Als Marktkenner setzten sie je nach Trend auf steigende oder fallende Preise, um kurzfristige Profite zu erzielen.

In stark von Weizenimporten abhängigen Ländern wie Sudan, Mauretanien, Afghanistan und Mongolei verursachen die Weltmarktpreise nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO bereits Preissteigerungen im Inland. "Die Preisentwicklung bei Weizen und Mais lässt sich nicht allein mit den fundamentalen Marktdaten - Angebot, Nachfrage, Lagerbestände - erklären", stellt Wiggerthale klar.

Die Heinrich-Böll-Stiftung und Misereor fordern sofortige Maßnahmen gegen die Spekulation mit Nahrungsmitteln. "Wir dürfen nicht zulassen, dass Spekulanten die Lebensmittelpreise erneut in die Höhe treiben und sich auf Kosten der Hungernden bereichern", warnt Martin Bröckelmann-Simon, Geschäftsführer von Misereor. "Der Agrarministergipfel muss ein überzeugendes Maßnahmenpaket zur Regulierung von spekulativen Termingeschäften mit Agrarrohstoffen verabschieden, das unverzüglich umzusetzen ist", fordert Barbara Unmüßig, Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung.

In den vergangenen Monaten seien Lebensmittelpreise weltweit drastisch gestiegen, berichten die beiden Organisationen: um 57 Prozent für Getreide, 56 Prozent für pflanzliche Öle und Fette und 77 Prozent für Zucker. Die Preise für Weizen, Mais und Soja hätten mittlerweile ihre Höchststände während der Nahrungsmittelkrise 2007/2008 übertroffen.

"Die Proteste in Tunesien und Algerien, zu denen unter anderem gestiegene Lebensmittelpreise beigetragen hatten, könnten die Vorboten einer neuen Welle von Hungeraufständen sein", sagt Bröckelmann-Simon. Auch dieses Mal seien die Preissteigerungen durch Fehlernten allein nicht zu erklären, sondern sie würden zusätzlich durch Spekulanten angeheizt. "Drei Jahre sind seit der letzten akuten Preiskrise vergangen. Es ist unverantwortlich, dass die EU, im Gegensatz zu den USA, immer noch keinerlei Maßnahmen zur Eindämmung der Spekulationen beschlossen hat", so Bröckelmann-Simon. Im November 2010 hatte auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) eine konsequente Regulierung von Nahrungsmittelspekulation eingefordert.

Die Heinrich-Böll-Stiftung und Misereor begrüßen, dass Ministerin Aigner die Spekulation mit Nahrungsmitteln auf die Tagesordnung des Agrarministergipfels gesetzt hat. "Allerdings darf es nicht bei Diskussionsrunden und Ankündigungen bleiben", mahnt Unmüßig. "Um eine erneute Hungerkrise abzubremsen, muss vor allem die Teilnahme von Investmentbanken, Hedgefonds und Pensionsfonds an Termingeschäften mit Agrarrohstoffen eingeschränkt werden. Dazu brauchen wir innerhalb und außerhalb der Börsen deutlich mehr Transparenz sowie Obergrenzen für Preise und für die Anzahl von Termingeschäften pro Investor. Der kommende Agrarministergipfel muss die Chance nutzen, den Druck auf die bereits laufenden Reformprozesse innerhalb der EU und der G20 weiter zu erhöhen."

Das von der Heinrich-Böll-Stiftung und Misereor gemeinsam initiierte Projekt "EcoFair Trade Dialogue" (www.ecofair-trade.org) entwickelt konkrete Vorschläge für eine ökologisch nachhaltige und sozial gerechte Reform des Weltagrarhandelssystems.

www.oxfam.de
www.misereor.de
www.boell.de

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