uni_konstanzKonstanz. - In vielen Ländern haben traditionale Strukturen in der Gesellschaft wie zum Beispiel Stammesstrukturen einen maßgeblichen Einfluss auf den Staat und seine Entwicklung. Insbesondere in Afrika übernehmen traditionale Formen der kollektiven Entscheidungsfindung, Konfliktlösung und Gerichtsbarkeit nicht selten staatliche Aufgaben. Eine Konstanzer Wissenschaftlerin will jetzt systematisch erforschen, welche Auswirkungen das Zusammenspiel von Staat und traditionaler Governance auf Demokratie und inneren Frieden hat.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat der Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Katharina Holzinger das Reinhart Koselleck-Projekt "Traditionale Governance und moderne Staatlichkeit: Die Auswirkung ihrer Integration auf Demokratie und inneren Frieden" bewilligt. Das fünfjährige Forschungsprojekt an der Universität Konstanz wird von der DFG mit einer Fördersumme von 1,25 Millionen Euro zuzüglich einer Programmpauschale von 250.000 Euro unterstützt.

Weltweit gibt es in vielen Staaten ethnische Bevölkerungsgruppen, die ihr inneres politisches Leben gemäß traditionaler Strukturen organisieren. Knapp 57 Prozent der Weltbevölkerung in 63 UN-Mitgliedstaaten leben in Rechtssystemen, in denen indigene Rechte in relevantem Umfang mit der staatlichen Gesetzgebung koexistieren. Gerade in Afrika sind traditionale Institutionen keineswegs strikt von staatlichen Institutionen abgegrenzt.

"Traditionale Institutionen, die sich entlang von Ethnien konstituieren, sind in vielen afrikanischen Ländern noch besonders bedeutend: sowohl in Hinsicht auf ihren Umfang als auch bezogen auf ihre politische Bedeutung. In diesen Staaten koexistieren indigene Formen der Governance mit modernen staatlichen Formen", so Katharina Holzinger. In vielen Fällen übernehmen solche traditionalen Institutionen staatliche Aufgaben – teils in Konkurrenz zum Staat, teils komplementär oder sogar verschränkt mit dem Staat.

Holzingers Forschungsprojekt untersucht, welche Konsequenzen das Zusammenspiel von traditionalen Strukturen und staatlichen Funktionen für die Entwicklung von Demokratie und innerem Frieden hat. "Ich habe außerdem die Vermutung, dass die starke Stellung traditionaler Institutionen in einem Staat in Zusammenhang steht mit seinen Wirtschaftsweisen und seiner Fähigkeit, sich auf moderne, globalisierte Marktwirtschaften einzulassen", erklärte Holzinger. In einer weltweiten, quantitativen Untersuchung ermittelt sie, welche Wechselbeziehung zwischen Staat und traditionaler Governance bestehen und welche Auswirkungen dies auf die demokratische Entwicklung des Staates hat. Mittels acht Länderfallstudien, die sich auf afrikanische Staaten konzentrieren, will Holzinger ihre weltweiten Analysen vertiefen.

Systematische Analysen zur Einbindung von traditionaler Governance in den Staat existieren bislang kaum. "Es gibt ethnologische und soziologische Forschungen zu traditionalen Institutionen, aber es gibt bislang keine Forschung, die das Thema in einem größeren Maßstab erschließt, die weltweit systematisch vergleicht und die die Effekte auf Demokratie und Frieden ermittelt", so Holzinger. Mit ihrem Forschungsprojekt betritt die Politikwissenschaftlerin Neuland.

Katharina Holzinger ist Prorektorin für Gleichstellung und Internationales an der Universität Konstanz und Inhaberin der Konstanzer Professur für Internationale Politik und Konfliktforschung. Schwerpunkte ihrer Forschung sind Bürgerkriege, die Theorie politischer Entscheidungsfindung und Konfliktlösung, die Europäische Union und internationale Umweltpolitik.

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