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Arnold von Rümker. Foto: JUHBerlin (epo.de). - Was motiviert Menschen, sich in Entwicklungsländern für Andere einzusetzen? Hilft Entwicklungszusammenarbeit wirklich im Kampf gegen Hunger, Armut und Krankheit oder ist sie reine Geldverschwendung? Wie sehen Projekte vor Ort eigentlich aus? Und wie hat sich das Verständnis von Entwicklungszusammenarbeit im Laufe der Jahre verändert? Auf diese und andere Fragen versucht das "Global-Learning" Projekt "Zeitzeugen der Entwicklungszusammenarbeit" des Entwicklungspolitischen Bildungs- und Informationszentrum Berlin (EPIZ) Schülern eine Antwort zu geben. epo.de-Mitarbeiterin Anne Klinnert hat an einer Unterrichtsstunde mit einem "Zeitzeugen" teilgenommen. Das Projekt richtet sich an Schulklassen der Sekundarstufe II, die gemeinsam mit ehemaligen Entwicklungshelfern diskutieren können. Einer dieser Zeitzeugen ist der 66jährige Arnold von Rümker, der von 1967 bis 1974 an einem großen Regionalentwicklungsprojekt des GTZ-Vorgängers GAWI in Malawi mitgearbeitet hat. In Vorbereitung des Projektes war es als Doktorand seine Aufgabe, den Baumwollanbau in ausgewählten Dörfern zu untersuchen. Später wurde er stellvertretender Projektleiter.

Insgesamt verbrachte von Rümker sechs Jahre in Malawi, die meiste Zeit davon mit der Familie. In sehr privater und offener Art lässt er die Schüler an seinen Erfahrungen teilhaben. Er klärt sie über Beweggründe der Teilnahme, Probleme und den Alltag in Malawi auf.

Von Rümker war bis vor vier Jahren für die GTZ tätig. Zuletzt war er für die Ausbildung von Counterparts (Experten aus Entwicklungsländern) zuständig, sowie für das Drittgeschäft mit Saudi-Arabien. Zu seinen Aufgaben gehörte auch die Personalwerbung und –auswahl für Entwicklungsprojekte in Ostafrika (Kenia, Uganda, Tansania, Madagaskar, Somalia, Sudan).
 
Das Malawi-Projekt verließ er, weil er ein Angebot aus Washington von der Weltbank erhielt. Sechs Jahre war er dort für Kosten-Nutzen-Analysen von Entwicklungsprojekten zuständig. Als Dozent der Weltbank unterrichtete er auch in Saudi Arabien und in Asien. Bei Vortragsreisen erklärte er den Ländervertretern vor Ort, wie Projektanträge zu verfassen sind. Die Tätigkeit als Project Officer für die Weltbank führte ihn unter anderem nach Myanmar und Sri Lanka.
 
Obwohl von Rümker seit dem Verlassen der GTZ eigentlich in Rente ist, engagiert er sich weiter. Er unterstützt die Johanniter-Unfall-Hilfe und ist mittlerweile im Landesvorstand Berlin-Brandenburg.
 
POLITIK ZUM ANFASSEN

Im Vorfeld der Diskussionsrunde bekommen die Schüler ein schriftliches Interview mit dem Entwicklungshelfer, das auch online abrufbar ist, so dass sie bereits über die Hintergründe und konkreten Aufgaben Bescheid wissen. Die Schüler fragen vor allem nach den Erwartungen des Entwicklungshelfers, den Zielen und der Akzeptanz des Projektes. Sie wollen wissen, wie die Situation im Land war, wie mit den Menschen vor Ort umgangen wird, wie sich die Armut im Land äußert.
 
Nicola Humpert, zuständige Projektleiterin beim EPIZ Berlin, beschreibt das Konzept wie folgt: "Durch die Verbindung unserer Internet-Lernplattform mit den Besuchen der Zeitzeugen konnten wir das Thema lebendig und anschaulich gestalten. Über die Möglichkeiten wie auch Grenzen der Entwicklungszusammenarbeit, über das Spannende wie auch Mühsame dieser Arbeit haben sich die Schüler im persönlichen Gespräch informieren können und sich Konzepte, die zunächst sehr abstrakt schienen, erarbeitet. Die Schülerinnen und Schüler erhalten einen unmittelbaren Einblick in ein spannendes Berufsfeld und lernen, warum es Entwicklungshilfe und -zusammenarbeit gibt."
 
Ein Themenschwerpunkt des Projektes ist die Veränderung der entwicklungspolitischen Ansätze, das heißt der Wandel vom Konzept der "nachholenden Entwicklung" hin zum heutigen Ansatz der "nachhaltigen Entwicklung". Arnold von Rümker beschreibt die damals gängige Annahme, der Süden könne bei ausreichend technischer und finanzieller Ausrüstung den gleichen Entwicklungsstandard wie der Norden erreichen. Er selbst habe während seines Studiums die Dauer ausrechnen müssen, in der ein Entwicklungsland den Entwicklungsstand Deutschlands erreiche.

Die Schüler eines Geographie-Grundkurses der 13. Klasse interessieren sich insbesondere für die Erfolge des Projektes und stellen konkrete Fragen zu Machbarkeit und Fehlern. Viele Fragen nimmt von Rümker jedoch durch seine ausführlichen Erläuterungen vorweg. Die 18- und 19-Jährigen versuchen ihr theoretisches Wissen aus dem Geographie-Unterricht anzuwenden, beispielsweise wenn es darum geht, wie man den Baumwollertrag konkret erhöhen könnte. An einem angemalten Beispiel-Feld läßt von Rümker die Schüler selbst die Lösung finden.

DIE WELTBANK UND IHR RUF

Die Tätigkeit von Rümkers bei der umstrittenen Weltbank weckte bei den Schülern das meiste Interesse. Er habe Weltbank bewußt verlassen, sagte Arnold von Rümker. Was ihn bei der Arbeit in der Finanzinstitution gestört habe, wollte einer der Schüler wissen. Damals habe die Weltbank ihre Forderungen den Entwicklungsländern eher aufdiktiert und keinen Dialog mit den Partnern geführt, meint der Entwicklungsexperte. Heute habe sich dies jedoch grundlegend geändert.

ERNÜCHTERNDE BILANZ
 
Von Rümkers Bilanz bezüglich Malawi ist eher ernüchternd. Von den veränderten Anbaumethoden, einem eingeführten Kreditsystem, einer Handwerkerschule und vielen infrastrukturellen Maßnahmen habe effektiv nur die Handwerkerschule bis heute Bestand. Einige Änderungen in der Landwirtschaft seien ebenfalls übernommen worden, doch hänge der Erfolg immer von den Weltmarktpreisen für Baumwolle und dem Konkurrenzprodukt Mais ab.
 
Sei denn Entwicklungshilfe angesichts solcher Misserfolge überhaupt nützlich, fragten die Schüler. Von Rümker erwidert, die Fortschritte würden meist nur langsam sichtbar. Dennoch sei Entwicklungszusammenarbeit notwendig und begründet. Die Schüler sollten sich hinsichtlich der Entwicklungshilfe positiv, aber auch kritisch verhalten, meint der Entwicklungsveteran.
 
Bei dem intensiven, vierstündigen Austausch mit Arnold von Rümker bleibt keine der Schülerfragen unbeantwortet. Die positiven Reaktionen der Schüler während und nach dem Gespräch sprechen Bände: Das Zeitzeugen-Projekt ist eine gute Methode, Schülern die Entwicklungszusammenarbeit anschaulich näher zu bringen und ein Bewusstsein für die Gegensätze in der Welt zu schaffen.

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