Radiostation im Niger. Foto: Erhard BrunnNiamey (epo). - Der nigrische Staat, UNO-Organisationen und bilaterale Finanziers entschieden sich vor vier Jahren gemeinsam, auf kommunitäre oder Gemeinschaftsradios als ein wichtiges Mittel für die Entwicklung abgelegener Gebiete des Landes zu setzen. Aus der örtlichen Bevölkerung entstandene Assoziationen konnten dann bei internationalen Organisationen, vor allem dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP), der holländischen Freiwilligenorganisation SNV oder dem amerikanischen AFRICARE, die Installation einer sehr einfachen Sendeanlage und eine Grundausbildung zum Senden beantragen. 68 Stationen entstanden seitdem, die aber mit vielen Problemen zu kämpfen haben. Erhard Brunn begleitete einen von seiner Arbeit überzeugten Radiomacher - Tahirou Amadou - im Nordosten des Niger beim Besuch verschiedener Stationen am Flusslauf des Niger.

E. B.: Sie sind Bauer und Sie sind gleichzeitig Programmchef eines Gemeinschaftsradios, des Radio Jeunesse Goudel. Wie passt das zusammen?

Tahirou Amadou: Danke, ja, ich bin Bauer und habe ein Feld mit Hirse und ein Feld mit Reis. Ich arbeite in der Regenzeit auf meinem Hirsefeld und im Moment arbeite ich auf meinem Reisfeld. Ich bin auch deswegen Bauer, weil ich auch die Culture de contr? saison mache, also in der Zeit, wo wir früher nicht in der Landwirtschaft arbeiteten, heute Gemüse ziehe, Tomaten, Kohl und Auberginen. Und manchmal fahre ich auf den Markt und verkaufe meine Produkte. Und das erlaubt mir zu leben, etwas zu essen und meine Familie zu ernähren. Also, ich bin Bauer.

Ich bin aber auch Programmchef des Radio Jeunesse de Goudel. Das Radio wird von einer Association getragen, deren Mitglieder bei uns im Alter zwischen 15 und 30 Jahren alt sind. Unsere Assoziation hat einen Antrag auf finanzielle Unterstützung der Gründung eines Gemeinschaftsradios gestellt. Denn wir haben erkannt: Ohne Information kann man sich nicht entwickeln. Daher war man überzeugt, man muß auch der ländlichen Bevölkerung die Informationen zur Verfügung stellen, die sie braucht, um sich selbst entwickeln zu können.

Radio Jeunesse. Foto: Brunn

Das ist der Grund warum wir die Unterstützung für die Gründung des Radios gesucht haben. Und jetzt haben wir ein Gemeinschaftsradio in Goudel.

E. B.: Und wie wird das Radio geführt?

Tahirou Amadou: Das Radio arbeitet 8 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche. Die Radios arbeiten mit Sonnenenergie und einfachem Material. Das sind zwei Radiokassettenspieler, zwei CD-Spieler, zwei Batterien, die die Energie speichern. Dann haben wir noch zwei Verstärker und einen Sender. Ein Gemeinschaftsradio hat eine maximalen Senderadius von 25 km. Diese Radios sind unpolitisch und von der Bevölkerung eigenorganisiert. Sie werden geführt von der Generalversammlung, die die Mitglieder des Exekutivbüros, des Vorstands und des Kontrollbüros wählt. Das Exekutivbüro ist dasjenige Organ, das die Kontakte zu den Entwicklungsorganisationen hält und die Verträge unterschreibt. Der Vorstand leitet die Aktivitäten, die es um das Radio herum gibt und wählt einen Radiochef für die tägliche Leitung des Radios. Dieser bestimmt wiederum einen Programmdirektor, der die Animatoren, Journalisten und Techniker anleitet.

E. B.: Und wie entsteht das Programm?

TAhirou AmadouTahirou Amadou: Wir haben 17 Techniker, Journalisten und Animateure. Und die Animateure können all die Sprachen abdecken, die in unserem Sendegebiet gesprochen werden. Das sind Djerma, Haussa, Tamachek - die Sprache der Tuareg -, Fulfulde -die Sprache der Peul - und Gourmantche. In diesen Sprachen arbeitet unser Radio an der Entwicklung unserer Region. Daher ist es ein Radio der Information, der Bildung, der Sensibilisierung, aber auch der Entspannung. 70 % des Programms sind auf Themen der Entwicklung des ländlichen Raums bezogen. Wir machen Sendungen wie die "Chronic Sanitäre" und "die Stimme der Landbevölkerung", wo vor allem die Konflikte zwischen Bauern und Viehhirten behandelt werden. Es gibt aber auch Tipps, wie man seine landwirtschaftlichen Produkte besser anbauen, Ernteverluste verringern und die Ernte besser vermarkten kann. Die Preise von Grundnahrungsmitteln an verschiedenen Marktplätzen werden durchgegeben. Wir haben viel zu Gesundheitsthemen und auch Frauensendungen, wo es sich oft um die Forderung handelt, dass auch die jungen Mädchen ihr Recht auf Schulbildung durchsetzen können. Neben dem Radio selbst haben wir die Möglichkeit, diese Themen durch unsere Theatergruppe oder in unseren Hörerclubs zu vertiefen. Aktuell ist die Dezentralisierung natürlich ein großes Thema für uns und speziell die im März anstehenden Kommunalwahlen. Auch darüber hat unsere Theatergruppe gerade ein Stück vorbereitet. Aber bei all diesen Themen steht die ländliche Entwicklung im Mittelpunkt.

E. B.: Für sie ist es demnach eine Erfolgsgeschichte, die Geschichte der Entwicklung eines erfolgreichen Instruments für die ländliche Entwicklung?

Tahirou Amadou: Ja, ja, das ist sehr gut. Natürlich ist das eine Geschichte der Entwicklung, weil wir an unserer eigenen Entwicklung arbeiten. Wir fragen nicht bei den internationalen Entwicklungsorganisationen nach, uns Geld zu geben, wir fragen diese nur, uns mit Technik und Ausbildung in der Radioarbeit zu helfen.

Nochmals konkret: Man sieht es doch im Busch. Jemand hat vielleicht 100 Stück Vieh. Aber es sind doch meist Analphabeten und sie können nicht rechnen. Sie wissen vielleicht, ob sie mehr als sechs Stück Vieh haben oder weniger. Und das trifft den Kern: Sie können nicht kalkulieren. Um trotzdem gut informiert zu sein, brauchen sie ein Radio, ein Radio wie das unsere.

E. B.: Sie haben bereits die Probleme zwischen Bauen und Viehhirten an Teilen des Flussufers des Niger angesprochen. Was kann ein Radio denn dazu beitragen, dass diese Spannungen über Weideflächen und Zugang zu Wasser auf den Weg des Friedens kommen?

Tahirou Amadou: Ich kann sagen, die Gemeinschaftsradios spielen hier eine sehr wichtige Rolle. Ganz wichtig für die Suche nach einer Lösung der Konflikte zwischen Bauern und nomadisierenden Viehhirten ist doch der Informationsaustausch. Wie geht das konkret? Im letzten Jahr gab es ein Dorf mit großem Ärger in dieser Sache. Es gab sechs Verletzte und sogar einen Toten. Daraufhin haben wir uns erst mit den direkt Beteiligten getroffen, mit Vertretern der Bauern, dann der Hirten und haben Interviews gemacht. Jeder hatte gleich viel Zeit, seine Position darzustellen. Dabei haben wir zusehends auch die Entscheidungsträger bis hin zum Kantonschef gesprochen. Letztlich haben die Autoritäten dann eingegriffen und sich mehr engagiert, die Vertreter der beiden Seiten ins Gespräch zu bringen. Und irgendwann in dieser Diskussion haben sich dann auch die Vertreter der streitenden Gruppen direkt getroffen, um eine gemeinsame Position zu dem Problem zu finden, um sich zu beratschlagen.

E. B.: Einige Vertreter internationaler Organisationen haben in dem - vor drei Jahren begonnen - Prozeß des Aufbaus eines Netzes von Gemeinschaftsradios so etwas wie einen vorgezogenen Schritt hin zur Dezentralisierung gesehen. Wie Sie selbst ansprachen, ist man im Niger zur Zeit in der Vorbereitung der Dezentralisierung und der Kommunalwahlen. Die Wahlen erfordern eine große öffentliche Debatte. Das ist eigentlich eine Zeit und ein Thema wie gemacht für die Gemeinschaftsradios. Aber zu ihren wichtigsten Prinzipien gehört es ja, unpolitisch zu sein.

Tahirou Amadou: Sicher, die Gemeinschaftsradios sind unpolitisch. Unsere Aufgabe ist die Bevölkerung zu informieren, wie diese Wahlen vonstatten gehen. Aber man kann nicht ins Radio kommen und Politik machen. Nein.

Wir haben jetzt die Zeit für die Sensibilisierung der Bevölkerung über die Kommunalwahlen: Warum wählt man? Wie wählt man. All das. Ich glaube es ist eine gute Sache für die Gemeinschaftsradios. Auch wenn man sagt, dass sie Probleme mit den Kommunalwahlen hätten. Nein! Ich glaube nicht, dass es Probleme geben wird. Warum denn? Die Wahlen sind für die Bevölkerung, für die Gemeinden. Und die Gemeinschaftsradios kommen aus diesen Gemeinden. Es sind die selben Leute, die die Wahlen durchführen und die Radios machen. Aber bezogen auf die Wahl: Das sind verschiedene Sachen, da gibt es keine Probleme. Die Probleme sind manifest, wenn man in den Gemeinschaftsradios von Politik spricht, wenn jemand Propaganda für seine Partei machen will, Das geht nicht.

Radio im Niger

E.B.: Ihre Leute haben ja meist schon eine Schulung zum Thema gehabt.

Tahirou Amadou: Natürlich. Fast alle Mitarbeiter der Radios haben eine Schulung über die Bedeutung der Dezentralisierung bekommen und jetzt sensibilisieren sie die Bevölkerung. Die Dezentralisierung ist eine neue Sache für den Niger. Aber es ist jetzt die Aufgabe unserer Animateure, die ländliche Bevölkerung über die Dezentralisierung zu informieren. Allerdings war relativ viel dieser Sensibilisierung auf französisch und auch sonst nicht immer voll dem Niveau unserer Animateure angepasst.

E. B.: Die meisten internationalen Unterstützer der Gemeinschaftsradios, die Regierung und auch die Vertreter der Gemeinschaftsradios - darunter ja auch des ihren - haben vor einigen Wochen gemeinsam einen neuen Kurs beschlossen. Dazu gehört u.a., dass die Radios unterstützt werden sich auf regionaler Ebene zusammen zu schliessen und auch eine nationale Vertretung zu wählen. Was halten sie davon?

Tahirou Amadou: Danke, Ja, momentan denkt man daran, regionale Netzwerke - für den Westen, den Osten und den Norden des Landes - aufzubauen. Ich denke, dass das eine gute Idee ist.

E.B.: Die Radios haben viele Stärken, aber es ist auch unumstritten, dass sie auch erhebliche Schwachpunkte haben. Was empfinden Sie als die wichtigsten?

Tahirou Amadou: Die erste Schwäche ist die des Prinzips der Ehrenamtlichkeit. Niemand kann 100prozentig ehrenamtlich sein. Wenn man so will, muss man sagen, dass die Zeit, die man für die Arbeit bei den Gemeinschaftsradios einsetzt, dem Einkommen der Familie verloren geht.

Das zweite Problem ist das der Technik, des Materials. Es ist nicht permanent leistungsfähig. Es ist auch nicht ausreichend. Sie werden sehen: Ein Gemeinschaftsradio, das eine Panne hat ist erledigt, muss schliessen. Das sind Probleme der Wartung. Eine anderes Problem ist, dass es immer wieder Beispiele gibt, dass lokale Politiker sich einen entscheidenden Einfluss auf ihr örtliches Gemeinschaftsradio sichern.

Erhard Brunn
Fotos:  Erhard Brunn, Ernst Zippel

Der Autor ist Mitarbeiter des Deutschen Entwicklungsdienst (DED) im Niger und arbeitet im Bereich Kommunikation. Der DED engagiert sich im Niger zusehends für kommunale Radiostationen und entwicklungspolitisches Theater. Mit Tahirou Amadou besuchte er einige Radios in seiner Projektregion.


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