selfiewithdaugther 720

Neu Delhi. - Eine Tochter zu bekommen ist für viele Inder noch immer kein Grund zur Freude. Wer es sich leisten kann, weiß dies zu verhindern. Durch geschlechterselektive Abtreibung, die offiziel verboten ist, kommen weniger Mädchen zur Welt als natürlich vorgesehen. Weltweit kommen auf 1000 Männer 983 Frauen, in Indien sind es 918, im nordindischen Bundesstaat Haryana sogar nur 879. Eine Hashtag-Kampagne soll das ändern. Unter dem Hashtag #SelfieWithDaughter zeigen sich auf Twitter Tausende Väter mit ihren Töchtern. Die Kampagne bündelt jedoch nur ein oberflächliches Engagement und ignoriert dabei die Ursachen für den niedrigen Status von Frauen.

Die Aktion ist Teil der Regierungsinitiative "Beti Bachao, Beti Padhao" (Schützt die Töchter, bildet die Töchter). Premierminister Narendra Modi startete das Programm bereits im Januar, doch erst Ende Juni erlangte sie durch die Socialmedia-Kampagne weltweite Aufmerksamkeit.

"Geschlechterselektive Abtreibung ist in erster Linie eine Reflexion darüber, wie wenig unsere Gesellschaft Mädchen und Frauen schätzt. Das stark rückläufige Geschlechterverhältnis in Indien hat Ausmaße erreicht, die einem Notstand gleichkommen und es müssen dringend Maßnahmen ergriffen werden um die Krise lindern. Das sich verschlechternde Verhältnis von 976 Mädchen auf 1000 Jungen im Jahr 1961 auf 927 Mädchen im Jahr 2001 und auf 918 Mädchen im Jahr 2011, zeigt, dass der wirtschaftliche und soziale Fortschritt im Land nichts über den Status von Frauen und Töchter in unserer Gesellschaft aussagt", erklärte Lakshmi Puri, stellvertretende Exekutivdirektorin von UN Women.

Geschlechterselektive Abtreibung ist bereit seit 1994 verboten, aber das Gesetz wird kaum angewendet. Es ist fraglich, ob die Socialmedia-Kampagne einen relevanten Beitrag leisten kann. Südkorea ist ein gutes Beispiel für ein Land, das echte Fortschritte bei der Verbesserung eines sehr unausgewogenen Geschlechterverhältnisses gemacht hat. Dazu gehörte allerdings weit mehr als eine Medienkampagne.

KRITIK AN #SELFIEWITHDAUGHTER

Die Kampagne ermöglicht es einer bestimmten Schicht ,sich als tolerant und progressiv darzustellen, was auch zum Image des wirtschaftlich aufstrebenden Indiens passt. Die Selfies heben die individuelle Vater-Tochter-Beziehung hervor, völlig unabhängig davon, ob diese auf Geschlechtergerechtigkeit basieren.

Durch die #SelfieWithDaughter-Kampagne können sich Männer aus allen politischen Lagern zum Vetreter für Geschlechtergerechtigkeit aufschwingen, ohne ihr Leben und ihre Ideologien zu hinterfragen und ändern zu müssen.

Im Kontext einer Gesellschaft, in der viele Ehen arrangiert werden, Homosexualität illegal ist und das Verhalten und die Bewegung von Frauen im öffentlichen Raum stark überwacht, kontrolliert und verurteilt wird, hat der Kampagnentitel "Schützt die Töchter, bildet die Töchter" einen bitteren Beigeschmack.

Zudem ist es bedauerlich, dass Frauen scheinbar nur im Kontext ihrer Beziehung zu einem Mann (Vater, Ehemann, Bruder, Sohn) einen Wert haben. Es ist das klassische Argument, Gewalt gegen Frauen für Männer zu veranschaulichen: "Stell dir vor es ist deine Tochter, Frau oder Schwester..." Diese unnötige Vermenschlichung eines Menschen bekräftigt sexistische Ansichten zum Status der Frauen in der Gesellschaft, die als Person an sich weniger bedeutend sind.

Auffällig ist auch, dass in den meisten Tweets die Namen der Töchter nicht genannt werden. Sie sind "my daughter" oder "my pride" ohne eigene Persönlichkeit. Dies steht im starken Gegensatz zu dem öffentlichen Namen ihrer Väter durch den twitter account.

Der Fokus der Kampagne auf die Väter-Töchter-Beziehung trägt dazu bei, Väter als Beschützer der Töchter anzupreisen, die diese Verantwortung dann später auf den Ehemann übertragen.

Zu guter Letzt nützt die Kampagne natürlich Premierminister Modi selbst am meisten. Mit 13,6 Millionen Followern bei Twitter positioniert er sich als "People's Primeminister", zeigt Volksnähe und gibt den Menschen einen Teil der Verantwortung die Töchter zu "retten", ohne ihnen auf die Füße zu treten und Gesetze zu verschärfen.

Die Kampagne stellt Modi als engagierten Politiker für Geschlechtergerechtigkeit dar, ohne dass soziale und politische Ursachen angegangen werden.

Bild: tweet von Devendra Fadnavis, Chief Minister of Maharashtra


Back to Top
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.