TropenwaldMarburg (epo.de). - Einerseits sind die ecuadorianischen Anden einer der artenreichsten biologischen "hot spots" der Welt. Andererseits aber leidet das Land unter der höchsten Abholzungsrate Südamerikas: Vier Prozent der Waldfläche, vor allem tropischer Bergregenwald, fallen jährlich Brandrodungen und illegalem Holzeinschlag zum Opfer. Marburger Forscher koordinieren jetzt ein Projekt, das eine optimale Landnutzung bei gleichzeitiger Erhaltung der Biodiversität ermöglichen soll.

"Unser Ziel sind wissenschaftlich untermauerte Empfehlungen zur optimalen Landnutzung", so Professor Dr. Jörg Bendix, Geograph, Klimatologe und Experte für Fernerkundung am Fachbereich Geographie der Philipps-Universität Marburg. Sie sollen aber entweder die bestehende Biodiversität bewahren oder zur Erholung geschädigter Flächen beitragen und gleichzeitig der lokalen Bevölkerung eine sichere Existenzgrundlage garantieren.

"Bisherige Gegenmaßnahmen", so Bendix, "zeigen bestenfalls mäßige Erfolge, zumal sie vorwiegend auf Monokulturen exotischer Baumarten setzen." Auch die gerodeten Landflächen seien nur kurzfristig nutzbar: Meist würden sie binnen kürzester Zeit von landwirtschaftlich nutzlosem Adlerfarn überwuchert.

Die Forschergruppe "Biodiversity and Sustainable Management of a Megadiverse Mountain Ecosystem in South Ecuador" wird mit insgesamt 8,5 Millionen Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Die 25 Teilprojekte der ersten Projektphase (2007 bis 2010) werden von den Universitäten Marburg, Bayreuth, Darmstadt, Dresden, Erlangen, Gießen, Göttingen, Mainz, München (TU und LMU), Potsdam, Tübingen und vom Umwelt-Forschungszentrum Leipzig-Halle durchgeführt. Zu den internationalen Partnern gehören die Universität Wien, die Universidad t?cnica particular de Loja, die Universidad Nacional de Loja, die Pontificia Universidad Cat?lica del Ecuador sowie die University of California in San Diego. Stützpunkt vor Ort ist die "Estaci?n Cient?fica San Francisco" (ECSF) im südecuadorianischen San-Francisco- Tal, in der sich ganzjährig etwa 35 Wissenschaftler aufhalten können.

Rund 1,8 Millionen Euro der Fördersumme fließen an die drei Marburger Teilprojekte "Climate dynamics: past and present", "Central data services and SVAT modelling" sowie "Central Services". Geleitet werden sie von Professor Dr. Jörg Bendix und von Hochschuldozent Dr. Thomas Nauß.

REGENRADAR MISST NIEDERSCHLAG

Wichtiger Bestandteil des neuen Projekts ist die Entwicklung von Modellen, die ökosystemare Zusammenhänge ebenso wie Interaktionen zwischen Ökosystem und Mensch simulieren. "Daten liegen bereits reichlich vor", so Thomas Nauß, denn schon seit 2001 arbeiten Jörg Bendix und einige Kooperationspartner im Rahmen von drei DFG-Projekten in der Estaci?n Cient?fica. Unter anderem stehen Klimamodelle, Modelle zur Simulation von Wasser- und Energieflüssen oder Hangrutschungen sowie ein Waldwachstumsmodell auf dem Arbeitsprogramm der Forschergruppe. Satellitendaten zur Klassifizierung genutzter Flächen und zur Ermittlung atmosphärischer Prozesse werden die Forscher hierfür ebenso nutzen wie beispielsweise die Daten eines Regenradars in 3.200 Metern Höhe, das Niederschläge im Umkreis von bis zu sechzig Kilometern erfassen kann.

"Die langjährigen Vorarbeiten und das optimale Forschungsumfeld sind ein Schlüssel zum Erfolg unseres Vorhabens", erklärte Professor Bendix. Unter anderem verfügen die Forscher über die Möglichkeit zu satellitengestützter Kommunikation und über eine gesicherte Stromversorgung der Station und einiger Messpunkte im Bergwald - ohne diese ließen sich Spezialinstrumente wie das Regenradar gar nicht betreiben. Die bereits bestehende wissenschaftliche Infrastruktur im Bergwald und auf den degradierten Flächen, von Messgeräten bis hin zum ausgebauten Wegenetz, soll im Rahmen des neuen Projekts zudem nochmals deutlich erweitert werden. "Eine solche Ausstattung im tropischen Bergregenwald ist bisher weltweit einmalig", so Nauß, "und reiht sich in die weltweite Entwicklung hin zu ausgewählten Globalen Observatorien zum Monitoring der Biodiversität ein."

Auch die Entwicklung sozio-ökonomischer Modelle durch Agrar- und Forstökonomen ist Teil des Projekts. "Dabei geht es insbesondere um die Frage, wie sich der 'Wert' der Biodiversität und der Stabilität des Ökosystems messen lässt", erklärte Thomas Nauß. Oder anders gefragt: Würde auch die ländliche Bevölkerung davon profitieren, wenn die Landnutzung nachhaltiger gestaltet würde?

Schon jetzt kommt dem von Marburg aus koordinierten Forschungsverbund große Bedeutung für die Region zu: Auch im Antrag auf Einrichtung des UNESCO-Biosphärenreservats "Podcarpus-El Condor" in Südecuador, den der ecuadorianische Staat im vergangenen Jahr stellte, spielten die Verbundpartner eine zentrale Rolle.

www.lcrs.de


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