Seit es auch in Deutschland normal geworden ist, Aktien zu besitzen, hat die Berichterstattung über das Börsengeschehen vor allem im Fernsehen explosionsartig zugenommen. Täglich können die Zuschauer Nachrichten über dieses oder jenes Unternehmen verfolgen und werden über Wechselkurse, Gewinnerwartungen und Quartalsberichte informiert. Doch nur wenige Menschen wissen, dass an den Börsen der Welt nicht nur mit Firmenkapital, Verträgen, und Geld, sondern auch mit Grundnahrungsmitteln und Rohstoffen für die Lebensmittelindustrie gehandelt wird. Was die New Yorker Stock Exchange und die Frankfurter Börse für die Aktienmärkte sind, stellen das Chicago Board of Trade (CBoT) und die Warenterminbörse in Hannover in der Welt des Handels mit Agrarerzeugnissen dar. Mehrmals in der Woche kann man in den Kursteilen der großen Tageszeitungen die aktuellen Notierungen von Weizen, Mais, Soja und Sojaprodukten, Raps, Kokos-, Erdnuss-, und Palmöl, verschiedenen Fleischsorten oder Kaffee, Kakao und Zucker sowie einer Reihe weiterer Rohstoffe nachlesen.

Aber was bewegt die Kurse an den Warenterminbörsen? Im wesentlichen bestimmen Erwartungen das Geschäft; und zwar alle Annahmen, die die Entwicklung von Angebot einer Ware und der Nachfrage nach ihr betreffen. Im Fall von Getreide - das im Zentrum dieses Beitrages steht, weil es für die Welternährung so überaus wichtig ist - sind das unter anderem:

  • alle Gegebenheiten, die die Ernteaussichten und -mengen berühren wie Wetter, Schädlingsbefall, Naturkatastrophen oder Kriege, Wirtschaftsreformen oder die Produktivität und die Landverteilung in den Anbauländern;
  • alle Faktoren, die die Erntetätigkeit und die Situation nach der Ernte betreffen wie Verkehrsinfrastruktur, Lagerkapazitäten aber auch Streiks;
  • alle Einflüsse auf die Nachfrage nach Lebensmitteln wie Lagerbestände, Wirtschaftswachstum sowie Bevölkerungs- und Einkommensentwicklung.

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und es müssen Tausende von Zahlen aus der ganzen Welt zu einem Bild zusammen gepuzzelt und richtig bewertet werden, wenn eine realistische Vorstellung von der Preisentwicklung entstehen soll.

Bauern in Benin

Vermutet also ein Händler, dass die Preise steigen werden, kauft er Getreide auf, um es später zu einem höheren Preis zu verkaufen. Wenn er annimmt, dass die Preise zum gegebenen Zeitpunkt hoch sind, wird er seine Lagerbestände zu verkaufen suchen, um sie später - bei niedrigeren Preisen - wieder aufzufüllen. Tatsächlich aber gelten Warentermingeschäfte als riskante und schwierige Unterfangen und sie sind es auch; nicht zuletzt deshalb, weil sich in diesem Marktsegment viele unseriöse Vermittlungsbüros tummeln. Ihnen ist es egal, ob ihre Kunden Gewinne einstreichen oder sich ruinieren, denn ihre Provisionen sind ihnen auf alle Fälle gewiss.

Informationen sind bares Geld wert

Welche Möglichkeiten aber haben die großen Handelshäuser wie Cargills, Andre, Louis Dreyfus, Bunge Corporation, oder die deutsche Toepfer Gruppe, ihre Risiken zu senken und weltumspannende Geschäftsaktivitäten gewinnbringend zu betreiben? Der Marktführer Cargills, ein US-Konzern, ist beispielsweise in drei bis vier Dutzend verschiedener Lebensmittelbranchen tätig und agiert von 800 Standorten aus, die in rund 60 verschiedenen Ländern verteilt sind. Auch das größte deutsche Handelshaus, Toepfer Agrarhandel, ist weltweit aktiv. In über 40 Niederlassungen in aller Welt arbeiten 750 Menschen, die jährlich 400 Millionen Tonnen Getreide, Ölsaaten und Futtermittel umschlagen.

Zunächst ist es wichtig, sich einen Informationsvorsprung vor der Konkurrenz zu verschaffen. Denn wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Getreidehändler sind notorisch gut informiert über die politischen und wirtschaftlichen Geschehnisse in aller Welt. Früher sagte man der CIA nach, dass sie die großen US-Getreidehändler regelmäßig ausspionierte, um an die exklusiven Informationen über neueste politische und wirtschaftliche Entwicklungen im ehemaligen Ostblock und in vielen Entwicklungsländern gelangen. Als äußerst nützlich hat es sich zudem erwiesen, die landwirtschaftlichen Nutzflächen weltweit mit Satelliten zu überwachen. Bereits seit 1974 betreiben die Vereinigten Staaten ein solches System. Dessen Daten wurden zwar im Laufe der Jahre zunehmend auch an andere Länder übermittelt - seit 1981 zum Beispiel an China - aber die USA sind dazu nicht unmittelbar verpflichtet.

Doch es hat noch mehr Vorteile zu den ganz Großen zu gehören: Jährlich werden annähernd zwei Milliarden Tonnen Getreide geerntet, davon bis zu 600 Millionen Tonnen Weizen und ungefähr 560 Mio. Tonnen Reis. Der Rest verteilt sich auf die anderen Getreidesorten, zu denen auch die Futtergetreide oder Mais und Hirse gehören. In den Lagerhäusern der Nationalstaaten und der Privatwirtschaft können weltweit rund 300 Mio. Tonnen der Welternten aufbewahrt werden. Cargill zum Beispiel verfügte bereits in den 80er Jahren über Lagerkapazitäten von acht bis neun Millionen Tonnen - eine Zahl, die mehr Gewicht erhält, wenn man weiß, dass jedes Jahr nur circa 200 Mio. Tonnen Getreide in den Handel kommen. Bei Mais und Weizen sind es 18 bis 20 Prozent der Welternten, bei Futtergetreide 12 Prozent und bei Reis lediglich 5 Prozent.

Hunger entsteht nicht durch den Mangel an Nahrungsmitteln

Wenn eine Firma dann - bei einer plötzlichen Verknappung des Angebots - ihre Lager gut gefüllt hat, kann sie innerhalb von Tagen Millionen Dollar verdienen. Das passierte zum Beispiel nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl, der eine kurzfristige Hausse an den Getreidemärkte auslöste. Schwerwiegendere Folgen hatten die Dürrejahre 1994 und 1995, in denen weltweit 70 Mio. Tonnen Getreide mehr verbraucht als produziert wurden. Cargills setzte im "Rekordjahr" 1996 rund 56 Milliarden US-Dollar um, 1999 waren es dagegen nur 48 Milliarden. 1994 und 1995 stieg der Weizenpreis um 13 Prozent, Mais wurde 1996 sogar um 37 Prozent teurer und Reis verteuerte sich 1993-1994 um 27 Prozent, um 1994 und 1995 wieder 12 Prozent billiger zu werden. Wie Brot für die Welt seinerzeit in einer Studie belegen konnte, entstanden den Entwicklungsländern, die Getreide importieren müssen durch diese Preisschwankungen kurzfristig zusätzliche Kosten von über 4 Milliarden Dollar. Viele Länder besonders im subsaharischen Afrika mussten Kredite aufnehmen oder um Nahrungsmittelhilfe bitten. Hier zeigte sich erneut, dass der große indische Ökonom und Nobelpreisträger Amartya Sen recht hat: Er wies bereits in den 70er Jahren nach, dass Hunger nicht durch den Mangel an Nahrungsmitteln entsteht, sondern weil die Betroffenen nicht genug Geld haben, um Lebensmittel zu kaufen.

Insgesamt kontrollieren die jeweils drei bis sechs größten Handelshäuser zwischen 85 und 90 Prozent des weltweit gehandelten Weizens und Maises und immerhin noch 70 Prozent des Reishandels. Ihre Größe ermöglicht es ihnen, kleinere Konkurrenten zum Beispiel dadurch aus dem Geschäft zu drängen, dass sie den Vertrieb in großem Stil betreiben und Mindest-Liefermengen sowie -qualitäten leichter einhalten können. Hinzu kommt, dass nur wenige Länder unter dem Strich (netto) überhaupt Getreide exportieren. Überschüsse produzieren nur Industrieländer und hier im wesentlichen die Europäische Union, die Vereinigten Staaten und Kanada. Fast alle Entwicklungsländer müssen Getreide importieren, um über die Runden zu kommen. Und es ist zu erwarten, dass die Abhängigkeit der Dritten Welt von den Getreidelieferungen der Industrieländer zunehmen wird.

Festung Europa: Schutzzölle und Überproduktion

Doch die großen Konzerne tragen nicht allein die Schuld an der schlechten Ausgangsposition der Entwicklungsländer im Agrarhandel. Auch die Politik hilft kräftig mit, die Ungleichgewichte auf den Weltmärkten für Nahrungsmittel andauern zu lassen. In der Europäischen Union hat dies zum Teil historische Gründe. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg lag die landwirtschaftliche Produktion in Europa danieder. Dem versuchte man durch Mindestpreise für die Erzeuger und Zölle für Importe zu begegnen, um so die eigenen Landwirte zu schützen. Diese Politik war erfolgreich, und bereits ab Mitte der 50er Jahre konnten sich die heutigen EU-Länder wieder selbst mit Lebensmitteln versorgen.

Doch in Zeiten der Globalisierung macht eine solche Außenhandelspolitik keinen Sinn mehr und schadet den Ländern am meisten, deren Wirtschaftsstruktur auf die Landwirtschaft ausgerichtet ist und die gerne Lebensmittel exportieren würden. Das Paradoxe an der Situation besteht darin, dass die Industrieländer der Dritten Welt die Vorteile des freien Marktes und Warenverkehrs predigen, ihre eigenen Märkte aber vor unliebsamer Konkurrenz so gut schützen, wie es ihnen irgend möglich ist. Doch während in den Entwicklungsländern 34 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus dem Agrarsektor stammen, sind es in der EU gerade noch 5,3 Prozent. In den Entwicklungsländern arbeiten im Durchschnitt über zwei Drittel der Bevölkerung in der Landwirtschaft, in Europa sind es nur 1,7 Prozent.

Natürlich kann die Dritte Welt in absehbarer Zeit nicht genug Getreide exportieren, um die Industrieländer zu versorgen. Deshalb ist es auch sinnvoll, die Bauern in der EU weiterhin durch Interventionskäufe bei Getreide zu unterstützen, lange bevor diese auf Weltmarktniveau abgefallen sind. Aber - so die Forderung vieler NRO - die Industrieländer sollten ihre Märkte für landwirtschaftliche Produkte aus den Entwicklungsländern in dem Maße öffnen, wie diese zu liefern in der Lage sind. Das böte der Dritten Welt wichtige Einkommenschancen, die nach Auffassung von Heidemarie Wieczorek-Zeul, der Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit schon dann drei Milliarden US-Dollar umfassen, wenn die Vereinigten Staaten, Japan und Kanada nur den ärmsten Ländern Zollfreiheit gewähren würden, wie es die EU kürzlich getan hat (Siehe zu diesem Thema den Kasten "Alles außer Waffen"). Das würde eine Ausweitung der Exporte dieser Länder um 11 Prozent bedeuten.

Im Jahr 2000 lagen die innerhalb der Welthandelsorganisation (WTO) vereinbarten Zollsätze der EU für Reis bei 13 Prozent, für Mais bei 86,1, für Gerste bei 90 und für Weizen bei 56,5 Prozent. Für einen Maisexporteur in Uganda bedeutet dass zum Beispiel, dass er sein Produkt - um mit den Preisen innerhalb der Europäischen Union konkurrieren zu können - fast um die Hälfte billiger anbieten muss. Im Durchschnitt verlangt die EU 17,7 Prozent Zoll auf importierte landwirtschaftliche Güter. Japan erhebt auf Weizen sogar einen Zollsatz von bis zu 259,3 und auf Gerste 151,7 Prozent. Bei Reis wird vorsichtshalber erst gar keine Angabe veröffentlicht. Der durchschnittlich erlaubte Zollsatz der Vereinigten Staaten liegt bei 7,9 Prozent für Agrarerzeugnisse. Traditionell liegen die Zölle für verarbeitete Produkte höher als für Rohstoffe (Zolleskalation) - also für Butter und Magermilchpulver oder raffinierten Zucker höher als für Rohzucker oder nicht gemahlenes Getreide. Dies erschwert den Aufbau einer Lebensmittelindustrie in den Entwicklungsländern, die auch landwirtschaftliche Produkte auch für die eigenen Märkte weiter verarbeiten könnte. Zudem nimmt der Anteil verarbeiteter Produkte am Welthandel mit Nahrungsmitteln ständig zu.

Nichttarifäre Handelshemmnisse

Darüber hinaus existieren eine Reihe sogenannter 'nichttarifärer Handelshemmnisse'. Dies können zum Beispiel komplizierte bürokratische Hürdenläufe auf dem Weg zu einer Einfuhrgenehmigung sein, aber vor allem sind es die Qualitätsbestimmungen der Industrieländer, die der Dritten Welt Probleme bereiten. Dazu zählen insbesondere Verschmutzungen zum Beispiel durch Fremdkörper, Fremd- und Schadstoffe oder Mikroben und Pilze. Viele dieser Qualitäts- und Sicherheitsstandards werden in der Codex-Alimentarius-Kommission beschlossen, in der die Entwicklungsländer - wie auch in der WTO selbst - nur unzureichend partizipieren können. Hier kommt es nach Meinung der Fachleute aus Süd und Nord darauf an, die Entwicklungsländer bei der Einhaltung der Standards zum Beispiel durch den Transfer von geeigneten Technologien zu unterstützen.

Zu allem Überfluss zahlen die Industrieländer für viele landwirtschaftliche Produkte Prämien, wenn sie exportiert werden. Diese so genannten Exportsubventionen werden besonders oft in der Europäischen Union gezahlt, um die eingelagerten Überschüsse auf dem Weltmarkt losschlagen zu können. Diese Praxis ist für Länder, die Nahrungsmittel exportieren wollen, gefährlich, denn die subventionierten Exporte drücken die Weltmarktpreise unnötig und damit die Einkünfte der Bauern in Entwicklungsländern. BeninWürden die Weltmarktpreise nicht so stark schwanken und sich statt dessen dauerhaft auf einem höheren Niveau einpendeln, entstünde für arme Länder ein zusätzlicher Anreiz, die Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln anzustreben, um die Staatskassen zu entlasten.

Bereits 1999 sollte in Seattle eine neue Runde von WTO-Gesprächen beginnen, die jedoch aufgrund des militanten Widerstands sogenannter Globalisierungsgegner, vor allem aber wegen der Uneinigkeit der verhandelnden Minister nicht zustande kam. Diese Gespräche werden nun im arabischen Quatar fortgesetzt, wo die Delegationen sicher ungestört bleiben können. Im wesentlichen wird es dabei um die Frage gehen, ob der Welthandel mit Agrarerzeugnissen in Zukunft genau so in das WTO-Regelwerk integriert werden soll, wie der mit Industriegütern und Dienstleistungen. Die EU und Japan sind strikt dagegen und pochen auf die 'Multifunktionalität' ihrer Landwirtschaft, die ihrer Auffassung nach nicht nur der Herstellung von Agrarprodukten dient. Auf der Gegenseite finden sich die Vereinigten Staaten und die meisten Entwicklungsländer, die eine weitere Liberalisierung des Welt-Agrarhandels verlangen, um ihre Exportchancen endlich zu verbessern. Wie die Diskussion auch ausgeht: Es steht zu befürchten, dass die Bäuerinnen und Bauern in der Dritten Welt einmal mehr die Verlierer sind, da sie von den Ländern, in denen sie leben, nicht mehr ausreichend vor unfairer Konkurrenz und der wirtschaftlichen Übermacht der Industrieländer geschützt werden können.

Die Forderungen der NRO

Der Forderungskatalog der NRO an die Agrarpolitik und die Unternehmen ist so vielfältig wie die Aufgaben, die sich die verschiedenen Organisationen gestellt haben. Kleinbauern- und Landlosenbewegungen von Brasilien bis zu den Philippinen kämpfen für Landreformen in ihren Heimatländern. Denn in der Verteilung des Landes liegt der Schlüssel zur Selbstbestimmung und zur Erwirtschaftung eines ausreichenden Lebensunterhaltes. In diesem Kampf werden sie von vielen entwicklungspolitischen NRO im Norden unterstützt, von denen die meisten schon lange eine Abkehr von der Kommerzialisierung der Landwirtschaft fordern.

Das Internationale Aktionsnetzwerk Food First (FIAN) zum Beispiel erklärt das Recht auf Ernährung zu einem Menschenrecht, das in die Gruppe der wirtschaftlichen und sozialen Menschenrechte zählt. Würde sich diese Auffassung durchsetzen, gälte zum Beispiel die EU-Agrarpolitik künftig als Menschenrechtsverletzung.

In einer unlängst veröffentlichten Studie des NRO-Zusammenschlusses Forum Umwelt und Entwicklung, in dem die Deutsche Welthungerhilfe mitarbeitet, wurde ein Forderungskatalog aufgestellt, der die Rolle der transnationalen Konzerne betrifft. Darin wird unter anderem empfohlen, deren Aktivitäten unter die Aufsicht der WTO zu stellen, um zum Beispiel Preisabsprachen entdecken zu können. Solche - öffentlich zugänglichen - Datenbanken könnten auch zu einer Aufgabe der Welternährungsorganisation (FAO) gemacht werden. Die Heimatländer der Multis sollen zudem ein Wettbewerbsrecht entwickeln, dass auch die Auswirkungen von Fusionen im Ausland berücksichtigt und solche Zusammenschlüsse - wo nötig - unterbindet. Schließlich könnte ein noch zu schaffendes internationales Kartellamt über die Konzerne wachen.

"Ernährungssicherung statt EU-Agrarmarktordnung": Auf diese Formel könnte man die Bemühungen vieler weiterer NRO bringen, die die Agrarpolitik der EU für die schlechten Entwicklungschancen und für Nahrungsmittelmangel in der Dritten Welt mitverantwortlich machen. Die Deutsche Welthungerhilfe ist ebenfalls Mitglied in einem europäischen NRO-Bündnis namens Eurostep, das regelmäßig Stellungnahmen zu diesem Thema veröffentlicht. Darin wird verlangt, wenigstens die Exportsubventionen zu streichen - zumindest für die Agrarexporte in jene Länder die selber ausreichend Nahrungsmittel produzieren. Zudem haben gezielte Exporte bestimmter Produkte in ausgesuchte Regionen der Dritten Welt immer wieder die lokalen Märkte zerstört und die Bauern vor Ort ihrer Einkommen beraubt. In einem zweiten Schritt - so die Forderung der NRO solle man darüber hinaus die Importschranken aufheben, damit Entwicklungsländer auch in die Europäische Union exportieren und sich so zusätzliche Einkommensquellen erschließen können. Den armen Ländern sollte man dagegen den Schutz ihrer Märkte in einem gewissen Umfang gestatten, damit sie ihre Agrarsektoren besser ausbauen können.

Der unsichtbare Riese im Umbau

"Cargill - der unsichtbare Riese" heißt ein in den Vereinigten Staaten erschienenes Buch, das ausschließlich dem Lebensmittelkonzern gewidmet ist. Doch gemessen an der Größe des Multis dringen nur sehr wenige Informationen über dessen Aktivitäten an die Öffentlichkeit. Das liegt vor allem daran, dass Cargill bisher vor allem mit landwirtschaftlichen Rohstoffen gehandelt hat, die dann von anderen Unternehmen für den Endverbraucher aufbereitet und vermarktet worden sind. Es gibt - ganz im Gegensatz zum Nestl?-Konzern, der großen Wert auf seinen Markennamen legt - keine Cargill-Markenprodukte in Industrieländern. Dennoch ist der Konzern in drei bis vier Dutzend verschiedenen Lebensmittelbranchen tätig und agiert von 800 Standorten in rund 60 verschiedenen Ländern aus. Im Rekordjahr 1996 betrug der Jahresumsatz 56 Milliarden US-Dollar, 1999 waren es 48 Milliarden.

Das alte Familienunternehmen verfolgt eine Firmenpolitik, die gleichermaßen konservativ wie vorrausschauend ist. Als sich Anfang der 90er Jahre abzeichnete, dass der Handel mit Rohstoffen nicht mehr unbegrenzt wachsen würde und die Risiken zunehmen, stieß der Konzern einige seiner Handelshäuser ab. Statt dessen setzt das Unternehmen jetzt auf vertikale Integration: Verarbeitende Betrieb wie zum Beispiel der Safthersteller SunPure arbeiten neuerdings mit Cargill zusammen. Das Joint Venture ist der größte nicht markengebundene Safthersteller in den USA, der auch Zwischenprodukte - zum Beispiel aus den Schalen von Zitrusfrüchten - für andere Produzenten liefert. Außerdem ist Cargill zudem in die Lysinproduktion eingestiegen und macht jetzt der deutschen Degussa-Hüls Konkurrenz, die bisher Marktführer beim Vertrieb dieser Aminosäure für Viehfutter war. Akquiriert wurde auch ein Hersteller von Gewürzen, Gewürzsaucen und Marinaden.

Als sich herausstellte, dass viele Verbraucher genetisch veränderten Lebensmitteln eher kritisch gegenüber stehen und die meisten gentechnischen Verfahren in Zukunft biochemisch nachweisbar sein würden, entschied Cargill sich gegen den Einsatz der Technologie. Konsequent verkaufte der Multi sein hauseigenes Saatgutunternehmen an Dow Chemicals und setzt - zumindest nach Cargills eigenen Angaben - auf einen lückenlosen Herkunftsnachweis seiner Produkte. Noch in der ersten Hälfte der 90er Jahre hatte das Unternehmen sich dafür eingesetzt, dass ein brasilianisches Importverbot für genetisch veränderte Sojabohnen aufgehoben wurde.

"Alles außer Waffen": Die Handelsinitiative EBA der Europäischen Union

Auf Initiative der EU-Kommission hat die EU alle Importe aus den am wenigsten entwickelten Ländern (LDC) mit Ausnahme von Waffen ab 5. März 2001von allen Zöllen und Mengenbeschränkungen befreit. Dieser Schritt ist von fast allen NRO einhellig gelobt worden. Denn so verschwinden zumindest einige der gröbsten Ungleichgewichte im Welthandel. Nach Meinung der Kritiker ist die Freude auch an dieser - von der EU als Durchbruch bezeichneten - Initiative nicht ungetrübt.

Auf Druck der Lobbyisten in Brüssel bleiben Zucker, Bananen und Reis vom ungehinderten Zugang in die Märkte der EU ausgeschlossen. Die Zollschranken für Bananen sollen 2006 fallen und die Handelsbeschränkungen für Reis - und Weißzucker - gar erst 2009. Zudem handelt es sich bei EBA nicht um einen Vertrag zwischen der EU und den betroffenen 49 Staaten; die Vergünstigungen können daher jederzeit wieder rückgängig gemacht werden. Um sicher zu stellen, dass die Interessen der hiesigen Produzenten gewahrt bleiben, ist die Initiative zudem mit einer Vorbehaltsklausel versehen, falls Importmengen "im Vergleich zum üblichen Niveau ... massiv ansteigen sollten". Die meisten der betroffenen Länder hatten im Rahmen des AKP-Nachfolgeabkommens allerdings sowieso bevorzugten Zugang zu den EU-Agrarmärkten. Schließlich bleibt die sogenannte "Ursprungsregel" ebenfalls in Kraft: Ihr zu Folge müssen alle Importe darauf geprüft werden, ob sie auch aus dem angegebenen Herkunftsland kommen. Sonst - so fürchten die Brüsseler Bürokraten - könnten andere Exportländer auf die Idee kommen, ihre Waren umzudeklarieren und so an den Mengenbeschränkungen oder Zöllen vorbei in die EU einschleusen.

In der Produktgruppe der Getreide könnten in gewissem Maße Uganda, Myanmar und der Sudan (Mais) profitieren sowie in einigen Jahren Myanmar und Malawi bei ihren Reisexporten. Der freie Handel mit den ärmsten Ländern der Welt hat aus westlicher Sicht insgesamt keine nennenswerte Größenordnung. Auch der durch EBA entstehende Verlust von rund sieben Millionen Euro aus den Zolleinnahmen stellt wahrlich keine beunruhigende Größenordnung dar. Aus dem Blickwinkel der LDCs können in Zukunft aber doch einige Einnahmequellen hinzu kommen: Nach Angaben einer Studie, die die Hilfsorganisation Oxfam durchführen ließ, geht der Ländergruppe jährlich insgesamt vier Milliarden Mark verloren, weil die Industriestaaten ihre Märkte abschotten.

Uwe Kerkow


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