urgewaldBhopal/Berlin (epo.de). - Rund 12.000 Menschen protestieren in Zentralindien gegen den Omkareshwar Staudamm. Mit einem Sitzstreik vor den Regierungsgebäuden in der Landeshauptstadt Bhopal wollen die Kleinbauern, Adivasi (indische Ureinwohner) und Dalits (Unberührbare) die Überflutung ihrer Dörfer im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh verhindern. Zwei Mitglieder einer lokalen Umweltorganisation befänden sich bereits seit 36 Tagen im Hungerstreik, berichtete die deutsche NRO "urgewald" am Donnerstag.

Den Auftrag zum Bau des Omkareshwar Wasserkraftwerks mit 520 Megawatt Leistung war 2003 an die Firma Voith Siemens gegangen. Nach einem Projektbesuch in November 2003 hätten Vertreter von urgewald Voith Siemens wie auch die angefragten Banken gewarnt, dass sowohl die indischen Behörden als auch der Staudammbetreiber NHPC (National Hydro Power Corporation) nicht bereit seien, die rund 50.000 Menschen, die im Überflutungsgebiet des Dammes leben, umzusiedeln. "Daraufhin zogen sich die Weltbank und die Deutsche Bank aus dem Projekt zurück - Voith Siemens hielt jedoch daran fest", so urgewald.

Im Frühjahr 2007 wurde der Omkareshwar Damm vollendet, berichtete urgewald. Im April 2007 sollten die Wehröffnungen geschlossen und der Stausee gefüllt werden. Am 30. März hätten sich jedoch die betroffenen Dorfbewohner an das oberste Landesgericht Madhya Pradeshs gewandt und eine einstweilige Verfügung gegen die Flutung des Stausees erwirkt. Denn obwohl die Landesgesetze verlangten, dass die betroffene Bevölkerung mindestens sechs Monate vor der Flutung umgesiedelt und entschädigt werden müsse, habe keine einzige Familie aus dem Omkareshwar-Gebiet die zugesagte Land-für-Land Entschädigung erhalten. Das Landesgericht verbot laut urgewald bis auf weiteres die Flutung, da die Umsiedlung noch nicht erfolgt sei und setzte den 24. Juli als Termin für die Gerichtsverhandlung fest.

In der Zwischenzeit bewirkte der Betreiber NHPC nach Darstellung von urgewald jedoch eine Aufhebung der einstweiligen Verfügung durch das indische Supreme Court und erhielt somit grünes Licht, um die erste Teilauffüllung des Stausees auf 189 Meter vorzunehmen. Die Entscheidung, ob der Stausee vollständig - d.h. bis zu 196 Meter - gefüllt werden darf, sei jedoch vom Supreme Court an das Landesgericht von Madhya Pradesh zurück überwiesen worden. Daraufhin versammelten sich 12.000 Menschen in der Provinzhauptstadt Khandwa, um bei den Behörden gegen die Flutung zu protestieren. Am 6. Juni begannen zwei Aktivisten der "Narmada Bachao Andolan" (Rettet die Narmada Bewegung) einen unbefristeten Hungerstreik.

"Am 14. Juni wurden trotzdem die Wehröffnungen des Dammes geschlossen", kritisierte urgewald. "NHPC hatte angegeben, dass nur fünf - angeblich bereits evakuierte - Dörfer durch die Teilflutung betroffen seien. Schon am nächsten Tag ereigneten sich dramatische Szenen. Die Bewohner des Dorfes Ganjari weigerten sich ihr Dorf zu verlassen, und eine Gruppe von Frauen stand neun Tage lang in den ansteigenden Fluten, um auf das Umsiedlungsfiasko aufmerksam zu machen."

Inzwischen sind urgewald zufolge 25 weitere Dörfer im Projektgebiet von den ansteigenden Fluten bedroht. Dabei habe das Landesgericht festgelegt, dass diese Dörfer unangetastet bleiben müssten, bis ihre Bewohner umgesiedelt und entschädigt worden sind. Um die Landesregierung zum Handeln zu zwingen, zogen 12.000 Demonstranten und die beiden Hungerstreiker am 25. Juni nach Bhopal und harren seitdem dort aus. Chittaroopa Palit von der "Narmada Bachao Andolan" begründete ihre Aktion: "Weder die Landesregierung noch NHPC halten sich an Gesetze. Die 50.000 Einwohner der Region werden für den Profit von NHPC und Voith Siemens einfach aus ihren Dörfern geflutet. Vorher waren diese Menschen selbstständige Bauern und nun werden sie dem Verhungern preisgegeben. Wir hoffen, dass das Landesgericht NHPC zwingt, die Wehröffnungen zu öffnen, denn diese Überflutung ist illegal und unmenschlich."

Die Geschäftsführerin von Urgewald, Heffa Schücking, die das Projektgebiet besucht hat, erklärte: "Es ist eine Schande, dass Voith Siemens sich an einem Projekt beteiligt, dass die Zukunft von so vielen Menschen vernichtet. Auf ihrer Webpage und in ihrem Geschäftsbericht feiert diese Firma Omkareshwar als großen Erfolg, der ihr weitere Aufträge in Indien bescheren wird. Dass der Damm in nur vier Jahren fertig gestellt wurde, liegt nur daran, dass man keinerlei Anstrengungen unternommen hat, eine menschenwürdige Umsiedlung zu organisieren. Stattdessen werden Männer, Kinder und Frauen einfach kraft der Wassermassen vertrieben. Voith Siemens' Indiengeschäft ist auf Menschenrechtsverletzungen gebaut".

Omkareshwar ist Teil des Narmada Tal Projekts, das den Bau von 30 großen Staudämmen entlang des 1300 Kilometer langen Flusses vorsieht. Für diese Projekte werden urgewald zufolge insgesamt mehr als zwei Millionen Menschen vertrieben. Die "Narmada Bachao Andolan" kämpft seit 30 Jahren gegen diese Projekte. Sie gilt als wichtigste zivilgesellschaftliche Protestbewegung des modernen Indiens und wendet viele der Widerstandsformen an, die Gandhi während der Unabhängigkeitsbewegung geprägt hatte. Während der Hunger- und Sitzstreik in Bhopal nun über einen Monat anhält, melden sich immer mehr prominente indische Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle, um Gerechtigkeit für die Kleinbauern aus dem Omkareshwargebiet zu fordern.

www.urgewald.de


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