Foto: Social Business - Muhammad Yunus (c) epo.de Berlin (epo.de). - In einem offenen Brief an die Staatschefs und Finanzminister der reichsten Industrie- und Schwellenländer (G20) haben 16 Wissenschaftler und Publizisten die Verabschiedung eines “Global Marshall Plans für weltweit flächendeckende Kleinkreditsysteme” gefordert. Die G20 wollen am 2. April in London über international abgestimmte Maßnahmen zur Bewältigung der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise beraten. Unter den Unterzeichner des Briefes sind von deutscher Seite Heiner Geißler, Rupert Neudeck, Ernst Ulrich von Weizsäcker und Franz Alt.

In dem offenen Brief schlagen die Unterzeichner weiter vor, zehn Prozent aller Gelder, die jetzt zur Lösung der Weltwirtschaftskrise freigegeben werden, in “soziale Unternehmen (“social businesses”) zu investieren. Diese Unternehmen sollen allein zur Lösung von sozialen Problemen eingesetzt werden und dem Vorbild der Grameen-Unternehmen des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus aus Bangladesch folgen.

Im Begleitbrief an die Staatschefs heißt es: “Bei unseren Vorschlägen geht es keineswegs um einen Charity-Aufruf für die Armen der Welt. Wir sind vielmehr felsenfest davon überzeugt, dass es die denkbar klügste Investitionspolitik darstellt, wenn man jetzt Maßnahmen beschließt, durch die sich eine neue Phase wirtschaftlichen Aufschwungs maßgeblich aus der erfolgreichen Integration der Milliarden von heute noch Armen in der Welt speisen wird. Das Jahr 2009 wird in die Geschichte eingehen als eine Jahr gravierender wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Umbrüche. Es sollte – so unser Wunsch und Anliegen – aber auch als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem historische Meilensteine beschlossen wurden, die Armut in der Welt endgültig zu besiegen.”

Die Überwindung der Armut, heißt es in dem Brief weiter, sei “gleichzeitig die Beseitigung der größten Schande der Menschheit wie auch die Beseitigung des größten Hindernisses für ein breites und nachhaltiges sowie humanes Weltwirtschaftswunder, von dem die gesamte Weltwirtschaft und Weltgesellschaft großen Nutzen ziehen wird”.

Der offene Brief bildet nach Angaben des Berliner “GENISIS Institute for Social Business and Impact Strategies” den Auftakt einer Kampagne unter dem Motto “Next Wall to Fall”.

www.globalmarshallplan.org

Foto: Social Business - Muhammad Yunus (c) epo.de


Dokumentation:

Offener Brief
 an die Staatsoberhäupter der G20-Staaten


Ein Global Marshall Plan für Kleinkredite 
als Teil eines Globalen Pakts für Nachhaltigkeit - 
Einstieg in eine neue Qualität einer globalen ökosozialen Marktwirtschaft

In der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise entscheidet sich das Schicksal der Weltgemeinschaft in erster Linie dadurch, wie es uns gelingt, endlich eine überzeugende nachhaltige Entwicklung zum Wohle aller Bürger dieser Erde sicherzustellen. Die Beratungen über Systeme einer besseren weltweiten Kontrolle der Weltfinanzeinrichtungen sind hierzu ein wertvoller Beitrag, aber noch lange kein hinlänglicher.

Besonders wichtig sind jetzt beherzte Maßnahmen, die den Schwächsten in der Weltgesellschaft und somit den am stärksten Betroffenen der Weltwirtschaftskrise unmittelbare Unterstützung und Perspektive bieten. Wir schlagen dafür zwei konkrete Maßnahmen vor:


  • Global Marshall Plan für weltweit flächendeckende Kleinkreditsysteme. Die G20-Staaten sollten einen gemeinsamen Fonds auflegen, in den in den nächsten drei Jahren jeweils 10 Milliarden US-Dollar fließen. Diese Gelder sollten ausschließlich dafür eingesetzt werden, um flächendeckend in allen Armutsregionen der Welt, in denen noch nicht genügend Kleinkreditorganisationen vorhanden sind, solche aufzubauen. Nach den Erfahrungen der Grameen Bank und anderer ähnlicher Einrichtungen genügen 3 Millionen US-Dollar, um ein neues Kleinkreditsystem in einer Region zu etablieren, das dann in der Regel nach drei Jahren selbsttragend ist. Mit 30 Milliarden US-Dollar können binnen drei Jahren 10.000 neue Kleinkreditsysteme gestartet werden. Damit kann in wenigen Jahren eine flächendeckende Versorgung der Ärmsten der Welt mit Kleinkrediten sichergestellt und damit eine bereits 130-millionenfach erprobte Perspektive des Auswegs aus der Armutsfalle gemeinsam geschaffen werden.
  • 10-Prozent-Bindung an Investitionen in Social Business. Derzeit entstehen weltweit immer mehr Unternehmen und Joint Ventures, deren Mission ausschließlich in der Lösung der dringlichsten gesellschaftlichen Probleme wie Versorgung mit nachhaltiger Energie, Zugang zu sauberem Wasser etc. liegt. Muhammad Yunus nennt dies „Social Business“ und stellte beim World Economic Forum 2009 in Davos die Forderung, dass mindestens 10 Prozent aller Sondermaßnahmen im Rahmen der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise an Investitionen in solche Social Businesses gebunden sein sollten. Dieser Empfehlung schließen wir uns nachdrücklich an. Immer mehr Social Businesses entwickeln sich gerade auch im ökologischen Sektor wie beispielsweise Grameen Shakti. Dieses hat bisher 160.000 Solaranlagen in Armutshaushalten in Bangladesh installiert und bis 2012 sollen es bereits 7 Millionen sein. Social Business ist somit auch für die dringend notwendige ökologische Wende ein höchst attraktiver Ansatz.

Diese beiden Maßnahmen würden auch folgender Situation Rechnung tragen: Eine wirtschaftliche Erholung nach den gegenwärtigen Zusammenbrüchen kann eine kraftvolle und nachhaltige Perspektive weitaus besser in der aufholenden Entwicklung der bisher zu kurz Gekommenen suchen als in der Steigerung des Überflusses der Minderheit der Superreichen. Die systematische Entwicklung jener zwei Drittel der Menschheit, die bis heute in Armut leben, ist nicht nur moralisch überfällig, sondern auch unter rein ökonomischen Gesichtspunkten das Gebot der Stunde. Das Besondere der beiden vorgeschlagenen Maßnahmen: Sie sind neben ihren unmittelbaren humanitären Effekten zugleich auch die vielleicht intelligenteste und effektivste globale Wirtschaftsförderung.

Im Vertrauen auf Ihre Voraussicht

Erstunterzeichner: Dr. Franz Alt, Publisher; Frithjof Finkbeiner, Head Global Marshall Plan Foundation; Dr. Franz Fischler, former Commissioner of the European Union; Prof. Dr. Ashok Gangadean, Director World Commission on Global Consciousness; Dr. Heiner Geißler, former Minister of Germany; Celso Grecco, Founder Social Stock Exchange at BOVESPA, Brazil; Prof. Dr. Prabhu Guptara, Head Wolfsberg Institute; Prof. Dr. Hazel Henderson, world renowned Economist and Futurist; Dr. Ashok Khosla, Chairman Development Alternatives and President Club of Rome; Prof. Dr. Dr. Ervin Laszlo, President Club of Budapest; Dr. Rupert Neudeck, Founder Cap Anamur and Grünhelme; Dr. Christian Neugebauer, Editor-in-chief “Glocalist”; Wolfgang Pekny, platform footprint; Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher, Member Club of Rome and President Global Economic Network; Peter Spiegel, Head Genisis Institute for Social Business and Impact Strategies, Prof. Dr. Dr. Ernst U. von Weizsäcker, Co-Chair International Panel on Sustainable Resource Management

Back to Top
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok