gfbvGöttingen. - Tuareg in der Sahara sind besorgt über die Verschärfung des Antiterror-Krieges in den Wüstengebieten Nordwestafrikas. "Die Tuareg fürchten, dass der Einsatz von noch mehr Waffen und Soldaten die Unsicherheit in der Region nur weiter schüren wird, statt Sicherheit zu schaffen", berichtete die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) am Dienstag in Göttingen. Ende vergangener Woche hatten die Außenminister Algeriens, Nigers, Malis und Mauretaniens in Bamako (Mali) beschlossen, bis zu 75.000 Soldaten für den Antiterror-Krieg gegen "El Kaida im Maghreb" (AQMI) bereit zu stellen.

"Diese Antiterror-Strategie ist unglaubwürdig und abenteuerlich und birgt für die traditionell in der Sahara lebenden Tuareg besondere Gefahren", sagte GfbV-Afrikareferent Ulrich Delius. "Die bislang im Kampf gegen AQMI eingesetzten mehr als 10.000 Soldaten waren weitgehend ineffektiv, weil führende Offiziere aller vier Sahara-Staaten in den Handel mit Waffen, Drogen und afrikanischen Migranten verstrickt sind. Sie haben kein Interesse an einer wirksamen Bekämpfung von AQMI." Außerdem seien sie den Terroristen wegen fehlender Ortskenntnis hoffnungslos unterlegen, da AQMI von lokalen arabischen Bevölkerungsgruppen unterstützt werde.

"Wenn jetzt sogar 75.000 ortsunkundige Soldaten in die Sahara geschickt werden sollen, um nur rund 300 AQMI-Kämpfer zu jagen, dann muss mit noch mehr Übergriffen auf die Tuareg-Zivilbevölkerung gerechnet werden", warnte Delius. Algerien und Mauretanien hätten außerdem angekündigt, zur Sicherung ihrer Staatsgrenzen zum benachbarten Mali jeweils zusätzlich 5.000 Soldaten einzusetzen. Einige Regionen Nord-Malis gelten als Rückzugsraum von AQMI. Doch die Grenzsicherungsmaßnahmen würden die Bewegungsfreiheit von Tuareg massiv einschränken, da Grenzübertritte erschwert werden. Die von den Kolonialmächten auf dem Reißbrett gezogenen Staatsgrenzen durchschneiden den traditionellen Lebensraum der Tuareg.

Abgeschreckt von der Militärpräsenz werden auch ausländische Urlauber, so dass der für die Region so bedeutende Tourismus vollends zusammenbrechen werde, befürchtet die GfbV. Viele Tuareg hätten sich bislang als Fremdenführer verdingt oder ihr Kunsthandwerk an Touristen verkauft. Aufgrund von Entführungen und Sicherheitswarnungen ausländischer Botschaften sei der Tourismus im Norden Malis seit 2009 bereits um mehr als 50 Prozent eingebrochen. Im Januar 2010 waren zwei entführte französische Urlauber bei einer gescheiterten Befreiungsaktion in Mali getötet worden. Weitere vier Franzosen wurden von AQMI im September 2010 in Niger entführt und werden seither als Geiseln festgehalten.

AQMI wirksam bekämpfen könnten nach Auffassung der GfbV nur Tuareg. Sie kennen die Höhlen in dem bergigen Gelände genau. "Doch davon wollen die Sahara-Anrainerstaaten nichts wissen. Sie fürchten, bewaffnete Tuareg-Kämpfer könnten sich später auch gegen ihre Regierungen auflehnen, um mehr Hilfe und mehr Rechte für ihre vernachlässigten Regionen einzufordern."

www.gfbv.de

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