Colombo (epo). - Sri Lanka: Der Name der Insel im Indischen Ozean duftet nach Tee und Gewürzen und lässt an sonnige Urlaube denken. 430.000 Touristen haben 1999 das tropische Paradies besucht, darunter 80.000 Deutsche. Dass auf der Insel, die etwa die Größe Bayerns hat, seit knapp 20 Jahren ein Bürgerkrieg tobt, der mittlerweile etwa 62.000 Menschen das Leben gekostet hat, kümmert die Badegäste wenig. Nur wenn sich die Terroranschläge der "tamilischen Befreiungstiger" (LTTE) in der Hauptstadt Colombo mehren, sorgen manche sich um ihre Sicherheit.

Was die Touristen nicht wissen: Nur rund 50 Kilometer nördlich der uralten Königs- und Tempelstadt Anuradhapura verläuft bei Vavuniya eine Front dieses Krieges zwischen den im Norden und im Osten Sri Lankas lebenden Tamilen und der im Süden konzentrierten singhalesischen Bevölkerungsmehrheit. Hier stehen sich die sri lankische Armee und die LTTE auf einer Linie von etwa 80 Kilometern Länge gegenüber - getrennt durch einen Erdwall, den die Armee aufgeschoben und mit Stacheldraht bewehrt hat. Direkt dahinter liegt eine endlose Kette von Militärposten und -lagern.

Brunnenbau

In dem Örtchen Arasadikulam direkt hinter der Front stehen einige kleine Lehmhütten auf frisch gerodetem Land. Nach fast zehn Jahren kamen Anfang 1999 die ersten 130 Familien hierher zurück. Alles hat sich so sehr verändert, dass sie nicht einmal mehr ihre Grundstücke wiederfanden. Deshalb haben sie von der Regierung neue Parzellen zugewiesen bekommen. Die ersten Bananenbaum- und Papayasetzlinge sind schon gepflanzt, eine Gruppe gräbt einen Brunnen und fast alle haben bereits kleine Lehmhäuser gebaut. Allen geht es - trotz der ärmlichen Verhältnisse - weit besser als den bei Vavuniya von der Regierung in Lagern untergebrachten Flüchtlingen.

Heinz Seidler, der Vertreter der Welthungerhilfe vor Ort, ist zufrieden: "Hier gab es vor einigen Monaten noch gar nichts", erzählt er. "Mit unserer Hilfe können sich die Leute wenigstens behelfsmäßige Unterkünfte bauen." Mit Hilfe der einheimischen Sewa Lanka Stiftung hat die Welthungerhilfe eine Holztür, Holzbalken für die tragenden Teile sowie Sisalstricke und Matten aus Kokospalmblättern zum Decken der Dächer geliefert. Jede Familie bekommt gleich viel - wer jedoch Geld hat um Material zuzukaufen, kann entsprechend größer bauen. Außerdem bekommen die Familien eine Grundausstattung für den Haushalt sowie Werkzeug, Saatgut und etwas Dünger, um ihre Felder wieder zu bestellen. Stolz zeigen uns die Dörfler die Ergebnisse ihrer harten Arbeit: Sogar eine Art Kindergarten gibt es schon wieder. Sie lassen uns erst gehen, nachdem sie uns ein Glas Limonade serviert haben, damit wir unseren Weg in der Hitze fortsetzen können, ohne Durst leiden zu müssen.

Weiter geht es Richtung Westen, auf die Stadt Mannar zu, wo früher die Fähre nach Indien ablegte. Hier liegt die Front zum Teil direkt neben der Straße - fotografieren ist streng verboten. Dann biegt der Jeep von der Hauptstraße ab, und nach einigen hundert Metern kommen wir in einem kleinen Flüchtlingslager an, dass von Sewa Lanka und der Welthungerhilfe betreut wird. Die Menschen können ihre Äcker nicht bestellen, weil die auf der anderen Seite der Front liegen. Auch ihre Ernte durften sie nicht mehr einbringen: Die sri lankische Armee hatte es verboten, denn sie befürchtet offensichtlich Spionage, wenn die Bauern über die Demarkationslinie gehen. Also sind die Menschen hier auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

Normalerweise kommt die von der Regierung. Hier in Thalikulam aber waren die Menschen schon in ein Rücksiedlungsprojekt der Welthungerhilfe eingegliedert worden, als sie ihr Land wegen der Kämpfe wieder verlassen mussten. Jetzt hat Sewa Lanka für ein kleines Lager nahe ihres Heimatdorfes gesorgt, damit die Familien nicht in die großen Camps müssen. Die typischen Getreidesäcke mit dem Aufdruck "Nicht zum Verkauf - Nahrungsmittelspende der Europäischen Union" findet man hier jedoch nicht. Statt dessen sind kleine Fischchen zum Trocknen auf dem Boden ausgebreitet.

Fl?chtlinge

Revathan, der sri lankische Kollege von Heinz Seidler, erklärt, wie Welthungerhilfe und Sewa Lanka vorgehen: "Wir machen eine Ausschreibung in der Hauptstadt Colombo und bei den zwei oder drei günstigsten Anbietern kaufen wir dann Trockenfisch, Hülsenfrüchte, Zucker und Kokosmilchpulver." Reis wird möglichst vor Ort gekauft. Das hilft die Einkommen der Bauern in der Region zu sichern. Diese "ergänzende Nahrungsmittelhilfe", wie sie offiziell heißt, wird aus einer ganzen Reihe von Gründen immer wieder nötig. Die drei wichtigsten nennt Seidler: "Erstmal dauert die Zuerkennung des Flüchtlingsstatus durch die Regierung mindestens vier Monate. In dieser Zeit bekommen die Vertriebenen keinerlei Unterstützung. Eine ganze Reihe von Flüchtlingen werden zudem gar nicht anerkannt, weil Armee und Regierung behaupten, sie hätten nicht fliehen müssen. Schließlich werden maximal nur fünf Personen pro Familie berücksichtigt, was größere Familien vor schwere Probleme stellt."

Nördlich der Front liegen die von der LTTE kontrollierten Gebiete, die "uncleared areas", wie sie im offiziellen Jargon heißen. Zwar gibt es einen Grenzübergang, doch müssen Ausländer eine Genehmigung des Verteidigungsministeriums erwirken, um auf die andere Seite zu gelangen. Einheimische, die die Demarkationslinie überschreiten, unterliegen komplizierten Bestimmungen, die sie verpflichten, sich regelmäßig bei den Regierungsbehörden zu melden. Heinz Seidler und seine sri lankischen Kollegen verfügen über die nötigen Papiere, denn sie arbeiten auf beiden Seiten. "Wir haben die direkte Erlaubnis des Sekretariates der Präsidentin Chandrika Kumaratunga für unsere Arbeit", betont Heinz Seidler. "Auf der anderen Seite dürfen wir sogar ein Moped besitzen und einen Generator betreiben, aber leider kein Funkgerät." Und er fügt hinzu: "Unsere Verluste an Hilfsgütern sind minimal. So brutal der LTTE-Terror ist, an unseren Hilfslieferungen vergreifen sie sich nicht."

Die Arbeit, die von ECHO, dem Amt der europäischen Union für Humanitäre Hilfe, vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und vom Auswärtigen Amt finanziert wird, beinhaltet auf beiden Seiten der Front im Prinzip dieselben Aufgaben:

  • ergänzende Nahrungsmittellieferungen, denn die Regierung beliefert auch die Zivilbevölkerung in der von der LTTE gehaltenen Gebieten mit Lebensmitteln,
  • Unterstützung beim Bau behelfsmäßiger Unterkünfte und
  • Rücksiedlungsprogamme, die nicht nur die Lieferung von Saatgut, Düngemitteln und landwirtschaftlichem Gerät einschließen, sondern auch Reparaturen der Infrastruktur.

6.000 Familien, etwa 30.000 Menschen, haben allein von den Wiederansiedlungsprogrammen profitiert. "Studien haben ergeben, dass es auf beiden Seiten der Front Mangelernährung gibt", betont Revathan, dessen Eltern in den uncleared areas leben. "Und besonders die Kinder sind betroffen." Deshalb ist es wichtig, sowohl kurzfristig helfen zu können, wie auch Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Denn sonst bekommen die Flüchtlinge keine Chance, aus dem Teufelskreislauf von Flucht, Armut und Rechtlosigkeit herauszukommen.

Dass die Arbeit Früchte trägt, zeigt sich in dem Dorf Suriyakathakadukulam. Schon an die Bilder von Soldaten, Militärfahrzeugen und -lagern gewöhnt, geraten wir hier in eine fast unglaubwürdige Idylle: Obwohl das Dorf in den letzten Jahren mehrmals Schauplatz von Kämpfen war, geht es hier fast zu wie in Friedenszeiten. Wären nicht die Einschusslöcher in den Wänden des Hauses und fehlten nicht alle Fenster, könnte man glauben, im tiefsten Frieden zu leben. Hier hat die Welthungerhilfe vor zwei Jahren angefangen, eine Rücksiedlungsaktion zu unterstützen. Am wichtigsten war für die Bauern, dass der kleine Stausee am Dorf repariert worden ist. Diese "Wewa" genannten künstlichen Seen dienen der Bewässerung, und in ganz Sri Lanka gibt es über 4000. Häufig werden sie während der Kampfhandlungen zerstört oder verwahrlosen, weil sie regelmäßiger Pflege bedürfen. Sie ermöglichen den Bauern drei Ernten im Jahr statt einer.

Christliche Symbole

"Wir hatten Glück dieses Jahr", berichtet Vijayan, der Bauer, bei dem wir zu Gast sind und dessen Frau uns mit Saft und sogar mit Keksen bewirtet: "Unser Tank wurde rechtzeitig fertig, so dass wir die letzte Regenzeit vollständig nutzen konnten. Und das Saatgut, das wir bekommen haben, war weit besser, als das was man kaufen kann." Die Bauern haben es vermehrt und ernten demnächst das dritte Mal hintereinander. Danach gab es zwar keine finanzielle Unterstützung mehr für die Rückkehrer. Aber hier wie in allen anderen Projekten berät Sewa Lanka die Bauern mit modernen Methoden, damit sie die Ziele, die sie sich gesteckt haben, auch verwirklichen können. Und dann ist in der Ferne das Feuern eines Granatwerfers zu hören und sofort werden alle wieder ernst. Beim Dorf gibt es ein Militärlager, und alle haben Angst, dass der Krieg zurückkommt. Solange kein Frieden ausgehandelt ist, müssen auch erfolgreiche Projekte um ihre Zukunft fürchten.

Uwe Kerkow
Fotos:  Ina Zeuch

(Brunnenbau - Flüchtlingsfrau in Thalikulam - Christusfigur in der Nähe von Mannar)


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