eritrea lage 100Berlin. - Die Bundesregierung soll sich endlich um die "verheerende politische und wirtschaftliche Situation in Eritrea und die Problematik der eritreischen Flüchtlinge in der Welt" kümmern. Das hat der Nationale Rat für Demokratischen Wandel in Eritrea (ENC4DC) gefordert. Anlass ist die Tragödie von Lampedusa mit vermutlich mehr als 300 toten Flüchtlingen. Die überwiegende Mehrheit von ihnen - darunter viele Frauen und Kinder - stammt aus Eritrea.

Der ENC4DC fordert in einem Offenen Brief an Außenminister Westerwelle (FDP) und Innenminister Friedrich (CSU), die wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit mit der "Militärdiktatur in Eritrea" einzustellen und die toten Eritreer von Lampedusa zum Begräbnis in ihre Heimat zu überführen. Die eritreische Botschaft in Berlin und das eritreische Konsulat in Frankfurt sollten geschlossen werden, verlangt der Verband der oppositionellen Exil-Eritreer darüber hinaus von der Bundesregierung. "Eine Regierung, der das Leben ihres Volkes gleichgültig ist, und die die Rechte ihres Volkes mit Füßen tritt, kann nicht mehr länger der legitime Vertreter ihres Volkes sein!", heißt es in dem Offenen Brief.

In Eritrea wird die Opposition nach den Erkenntnissen von Menschenrechtsorganisationen brutal unterdrückt. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen (ROG) liegt das ostafrikanische Land, das italienische Kolonie war und erst 1993, nach einem 30-jährigen Unabhängigkeitskrieg von Äthiopien unabhängig wurde, seit Jahren den letzten Platz ein. Eritrea ist laut ROG das Land mit der geringsten Pressefreiheit wetweit, schlimmer als Nordkorea und Turkmenistan.

Amnesty International berichtete, dass Regierungskritiker, Deserteure und Eritreer, die im Ausland um Asyl ersucht haben, inhaftiert werden. Viele internationale Beobachter sehen die Regierung des Landes, das einst Hoffnung für viele nach Unabhängigkeit strebende Regionen und Volksgruppen war, heute als eines der repressivsten und militaristischsten Regime weltweit an.

Medienberichten aus dem Jahr 2011 zufolge müssen im Ausland lebende Eritreer eine "Aufbausteuer" an das Regime zahlen - die Rede ist von zwei Prozent ihres Einkommens. Die Abgabe werde von hunderttausenden Auslandseritreen erhoben, egal welche Staatsbürgerschaft sie besitzen, und stelle eine der größten Geldquellen der eritreischen Regierung dar.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Italiens Regierungschef Enrico Letta wurden am Mittwoch bei einem Besuch auf Lampedusa mit Buh-Rufen empfangen. Menschenrechtler und Einwohner protestierten mit "Schande!"- und "Mörder!"-Rufen. Auch auf dem Weg zum Hafen von Lampedusa seien die Politiker in ihren Staatskarossen von Beschimpfungen begleitet worden, berichtete DER SPIEGEL.

tesfu tadiosDer Offene Brief an Außenminister Guido Westerwelle und Innenminister Hans-Peter Friedrich ist von Dr. Tadios Tesfu unterzeichnet. Tesfu ist Vorsitzender des ENC4DC-Koordinationskomitees in Deutschland, einem von mehreren oppositionellen Verbänden und Gruppen von Exil-Eritreern. Viele Eritreer im Ausland stehen dem Regime in Asmara mit Skepsis und Ablehnung gegenüber, können dies aber aus Rücksicht auf ihre Familienangehörigen in der Heimat nicht öffentlich kundtun. 



Der Offene Brief der exil-eritreeischen Opposition an die Bundesregierung im Wortlaut:

Frankfurt, 8.10.2013

An Herrn Außenminister Dr. Guido Westerwelle und
Herrn Innenminister Hans-Peter Friedrich

Sehr geehrter Herr Außenminister Dr. Westerwelle, sehr geehrter Herr Innenminister Friedrich,

Zuerst möchte ich Ihnen gratulieren, dass Deutschland als das wichtigste europäische Land wertvolle Beiträge zur wirtschaftlichen Stabilität leistet und eine führende Rolle in der Friedenspolitik der Welt spielt.
Als Naturwissenschaftler und deutscher Staatsbürger mit eritreischem Hintergrund habe ich in Deutschland umfassende Bildung genossen und schätze daher das friedliche, sichere und menschenwürdige Zusammenleben mit meinen Mitbürgern sehr. Ein großer Dank an Deutschland - meine zweite Heimat.

Warum ich mich heute hier an Sie wende: Ich gehe davon aus, dass Sie, die bei vielen schwierigen politischen Debatten und wirtschaftlichen Krisen mit Fachwissen sachkundig argumentieren bzw. humanitäre Entscheidungen treffen, spätesten JETZT, nach dem Desaster vor Lampedusa mit über 300 Toten, über die verheerende politische und wirtschaftliche Situation in Eritrea und die Problematik der eritreischen Flüchtlinge in der Welt alarmiert sind!!

Gemäß der Namenliste und anderer Informationsquellen stammen die Toten bis zu 98% aus Eritrea! Die meisten von denen waren Frauen (zum Teil Schwangere), Kinder und Säuglinge. Da die meisten dieser Flüchtlinge nicht schwimmen können, muss die Flucht nach Europa über den Wasserweg eine verzweifelte Tat für sie gewesen sein, weil das für sie auch Tod bedeuten könnte. Populismus und Dummheit sind das, wenn manche Europäer behaupten, dass die Flüchtlinge aus Sehnsucht nach einem wirtschaftlichen Aufstieg aus ihrer Heimat fliehen und dabei ihr Leben aufs Spiel setzen.

Mit Freude habe ich das Interview von Ihnen, Herrn Innenminister, mit der Zeitschrift "Bild am Sonntag" gelesen, dass Deutschland, und vor allem Europa, nicht nur die Asylrechte für Flüchtlinge unverzüglich lockern/ändern solle, sondern zudem für bessere politische und wirtschaftliche Verhältnisse in der Herkunftsländer dieser Flüchtlinge sorge. DIES NEHME ICH ERNST UND WÖRTLICH: Daher fordere ich die deutsche Regierung auf, ab sofort mit der eritreischen Opposition in Deutschland zusammenzuarbeiteten und nach angemessenen Lösungen für die Flüchtlingsproblematik zu suchen.

Dies war auch mein Hauptanliegen, als ich am 24. Januar 2013 einen offenen Brief an die Frau Bundeskanzlerin verfasste: "Herbei möchte ich Sie auch daran erinnern, dass die Menschenrechte und Flüchtlingsrechte etwas Universales sind und nicht an den territorialen Grenzen Europas enden. Ich möchte auch das Vorgehen einiger EU-Staaten kritisieren, welche in der Vergangenheit Diktatoren in Nordafrika, im Nahen Osten sowie in Osteuropa unterstützt haben, um die politischen Flüchtlinge vor den EU-Grenzen aufzuhalten, ohne sich zugleich für humanitäre und vor allem politische Lösungen in den Herkunftsländern dieser Flüchtlingen zu bemühen“. (Zitat aus meinem Brief).

Im Jahre 2011 wurden UN-Sanktionen gegen Eritrea auf Grund von militärischer Hilfeleistung an Al-Schababa-Milizen, die Anhänger von Al-Qaida in Somalia, verhängt. Verursacht durch Destabilisierung der Region seitens der eritreischen Regierung kam es mit Nachbarländern zu kriegerischen Auseinandersetzungen. 2013 wurde die eritreische Regierung wieder wegen Sklavenarbeit (Zwangsarbeit von Wehrdienstlern und Zivildienstleistenden) in den Becha- Goldminen in Eritrea von Human-Rights-Watch (HRW) auf Schärfste verurteilt. 2012 haben sich eritreische Regierungsoffiziere mit Vertretern multinationaler/deutscher Firmen für solche Geschäfte in Berlin getroffen. Wir fordern daher die deutsche Regierung auf, auf keinster Weise eine wirtschaftliche oder politische Zusammenarbeit mit der Militärdiktatur in Eritrea zu betreiben, da dies eine Missachtung der Menschenwürde ist. Und wie uns das Grundgesetz Artikel 1 lehrt, ist die Würde des Menschen unantastbar!

Daher sollen auch die eritreische Botschaft in Berlin und das eritreische Konsulat in Frankfurt geschlossen werden. Eine Regierung, der das Leben ihres Volkes gleichgültig ist, und die die Rechte ihres Volkes mit Füßen tritt, kann nicht mehr länger der legitime Vertreter ihres Volkes sein!

Meine letzte und unverzügliche Forderung ist, die Toten vor Lampedusa nach Eritrea zu schicken und sie in Eritrea begraben zu lassen. Diese Tatsache hat einen religiösen und humanitären Aspekt. Die Familienmitglieder der Toten müssen die Chance bekommen, sich von ihren Liebsten würdig zu verabschieden. Wenn wir die letzte Menschlichkeit bewahren wollen, dann sollen diese Toten in Eritrea nach alten Sitten in einer Reihe mit ihren Ahnen begraben werden. Mögen ihre Seelen im Jenseits Frieden finden.

Ich freue mich, diesbezüglich und für eine Audienz möglichst bald eine positive Antwort von Ihnen zu erhalten.

Ich bedanke mich für Ihre Mühe und Zeit im Voraus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Tadios Tesfu
Vorsitzender des ENC4DC-Koordinationskomitees in Deutschland
Nationaler Rat für Demokratischen Wandel in Eritrea e.V.
ENC4DC (Eritrean National Council for Democratic Change)

https://de.wikipedia.org/wiki/Eritrea

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