misereorAachen. - Ein Jahr nach Flucht und Vertreibung von Angehörigen der religiösen Minderheit der Jesiden aus dem Umfeld der irakischen Stadt Sinjar harren mehr als 10.000 Betroffene weiter im angrenzenden Sinjar-Gebirge aus. Das teilte Salah Ahmad, Leiter der irakischen Hilfsorganisation Jiyan Foundation, am Freitag mit. Das Werk für Entwicklungszusammenarbeit MISEREOR arbeitet mit der Jiyan Foundation seit vielen Jahren eng zusammen und unterstützt die Arbeit der Stiftung zugunsten von Flüchtlingen im Nordirak.

Anfang August 2014 waren zehntausende Jesiden vor Terroristen des sogenannten Islamischen Staates (IS) geflohen. Die kurdische Armee hatte zum Ende des Jahres einige jesidische Städte und Dörfer aus der Gewalt des IS befreit. Viele Flüchtlinge seien dennoch im Gebirge geblieben, weil sie sich nur dort sicher fühlen könnten, berichtete MISEREOR-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon, der sich im Februar selbst ein Bild von der Lage vor Ort gemacht hatte. "Ihre ursprünglichen Häuser sind nicht bewohnbar. Entweder wurden sie völlig zerstört oder vermint. Man kann sich in die Gebäude nicht hineintrauen."

Im Sinjar-Gebirge ist die Versorgungslage angespannt. "In diesem Sommer wurde das Wasser zeitweise äußerst knapp, es gab sehr wenig Regen", sagte Ahmad. "Zudem hatten die Menschen stark unter Temperaturen von mehr als 40 Grad zu leiden." Die Jiyan Foundation reagierte auf die extreme Hitze mit der Verteilung von mehr als 3.000 energiesparenden Kühlgeräten - finanziert von MISEREOR. Daneben unterstützte die MISEREOR-Partnerorganisation die Betroffenen mit einer Reihe weiterer lebensnotwendiger Güter.

In den von der Jiyan Foundation betreuten Flüchtlingslagern im Nordirak stellt die medizinische und psychologische Betreuung der Menschen die größte Herausforderung dar. "Seit Jahresbeginn hat sich die Zahl der Patienten verdreifacht", betonte Ahmad. In der autonomen kurdischen Region des Iraks befänden sich zurzeit 1,5 Millionen Flüchtlinge. "Dabei sind irakische Binnenflüchtlinge aus dem Süden des Landes vielfach in besonders schlechter gesundheitlicher Verfassung."

Ahmad befürchtet, dass sich die Lage durch die jüngste Konfrontation zwischen der Türkei und der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK noch erheblich verschärfen könnte. MISEREOR will in Kürze die weitere Unterstützung der Arbeit von Jiyan Foundation in der psycho- und traumatherapeutischen Behandlung von Flüchtlingen, insbesondere Gewalt- und Folteropfern, bewilligen. "Unsere Unterstützung hat ohne Zweifel dazu beigetragen, den Menschen wieder ein kleines Stück Selbstachtung zu geben. Gerade die fürchterlichen sexuellen Übergriffe auf die jesidischen Frauen und Mädchen bedeuten eine so tiefe Entwürdigung, dass Worte dafür fehlen", sagte Astrid Meyer, MISEREOR-Regionalreferentin für den Nahen Osten.

"DIE GRÖSSTE KATASTROPHE IN DER NEUEREN GESCHICHTE"

Father Emmanuel Youkhana, Direktor der MISEREOR-Partnerorganisation CAPNI (Christian Aid Program for Northern Iraq), berichtete unterdessen über die nach wie vor schwierige Lage der etwa 1.200 christlich-assyrischen Familien, die im Februar in Syrien ebenfalls vor den IS-Terroristen geflohen waren. Sie halten sich seinen Angaben zufolge in Syrien, im Libanon und im Nordirak auf. Auch ihnen sei die Rückkehr in ihre Häuser wegen Verminung oder Zerstörung unmöglich gemacht worden.

"Ihre Situation ist sehr belastend und gekennzeichnet von Zukunftsängsten und der Sorge um das zum Überleben Notwendige", beklagte Father Emanuel. "Es fehlt ihnen an genügend Unterkünften, Essen, Medikamenten und Hygieneartikeln, zudem haben sie kaum Job-Perspektiven, um ihren Lebensunterhalt bald wieder selbst zu sichern." Der CAPNI-Chef unterstrich: "Die Vertreibung von Menschen durch den IS ist die größte Katastrophe in der neueren Geschichte des Iraks. Nationale Behörden und Hilfsorganisationen sind mit der Bewältigung dieser Krise überfordert und benötigen dringend weitere Hilfe aus dem Ausland. Besonders in der Unterstützung betroffener Frauen und Kinder gibt es große Schwierigkeiten."

Unvermindert ernst ist die Situation derzeit auch im Libanon. "Das Land hat zurzeit die höchste Pro-Kopf-Rate an Flüchtlingen weltweit", sagte Leonie Craes, die bei MISEREOR die Projektarbeit im Libanon betreut. "Bereits vor Ausbruch der jüngsten Krisen hatte der Libanon circa 75.000 irakische und mehr als 400.000 palästinensische Flüchtlinge aufgenommen. Zur originär libanesischen Bevölkerung von 4,5 Millionen Menschen sind jetzt mehr als 1,3 Millionen syrische Flüchtlinge sowie 8000 Irakerinnen und Iraker gekommen. Die Anzahl syrischer Flüchtlinge entspricht zahlenmäßig einem Viertel der heimischen Bevölkerung." Die MISEREOR-Partnerorganisationen seien angesichts dieser Situation in besonderer Weise bestrebt, neben der Hilfe für die Flüchtlinge auch die vielfach armen libanesischen Bürgerinnen und Bürger zu unterstützen, um Konflikten zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen vorzubeugen.

Quelle: www.misereor.de 


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