suedwind 200Bonn. - Make in India - mit diesem Slogan wirbt die indische Regierung um internationale Investitionen, um die Produktion im eigenen Land anzukurbeln - zu welchem Preis für die in der indischen Textilbranche arbeitenden Menschen, wird dabei nicht erwähnt: Überlange Arbeitszeiten, niedrige Löhne, fehlende Arbeitsverträge - diese Missstände treten in der gesamten textilen Kette auf. Das geht aus der Südwind-Studie hervor, die am Montag in Bonn veröffentlicht wurde.

Auf der Grundlage einer Befragung von Beschäftigten aus zehn Textilbetrieben im indischen Bundesstaat Gujarat, die vom SÜDWIND-Partner PRAYAS Ende 2015 durchgeführt wurde, vermittelt die Studie ein Bild von strukturellen Arbeitsrechtsverletzungen in der indischen Textilverarbeitung.

"Die massivsten Arbeitsrechtsverletzungen wurden am Anfang der textilen Kette, in den Entkernungsfabriken, festgestellt. Was alle untersuchten Betrieben gemein haben: Zumindest ein Teil der Beschäftigten arbeitet ohne Verträge, ohne Zugang zu sozialen Sicherungssystemen und zu Löhnen unterhalb eines existenzsichernden Niveaus. Außer in einem Betrieb gab es keine gewerkschaftliche Interessenvertretung", erläuterte Sabine Ferenschild vom SÜDWIND Institut, eine der AutorInnen der Studie.

Insgesamt lasse sich feststellen, dass die Arbeitsrechtsverletzungen zunehmen, je weiter man in der textilen Kette zurückgeht. Insbesondere die Entkernungsbetriebe, aber auch die Spinnereien verstoßen massiv gegen indisches Arbeitsrecht und gegen verschiedene ILO-Konventionen.

"Besorgniserregend ist insbesondere die weitgehende Abwesenheit von gewerkschaftlicher Organisierung, gewählten ArbeitnehmerInneninteressensvertretungen sowie von Kollektivverhandlungen. Ohne eine solche organisierte Verhandlungsmacht der Beschäftigten wird es schwer sein, zu Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in den Betrieben zu kommen", folgerte Hildegard Hagemann von Justitia et Pax.

Anders als durch ein Audit, mit dem Nachhaltigkeitsstandards einmal im Jahr einen Betrieb durch eineN AuditorIn überprüfen lassen, sind Gewerkschaftsvertretungen das ganze Jahr im Betrieb, können Missstände feststellen und sich für deren Behebung einsetzen. Hierin sehen die AutorInnen den Schlüsselfaktor für die Umsetzung aller anderen Arbeitsstandards.

Die Produkte aus den zehn untersuchten Betrieben, seien dies Baumwollfasern, Garne, Stoffe oder Bekleidung, sind in globale Wertschöpfungsketten eingeflochten. Darauf verweisen die in der Studie enthaltenen Firmenporträts: Die untersuchten Firmen haben Verbindungen mit asiatischen und europäischen Märkten und Unternehmen (z.B. C&A und H&M) einerseits, mit international präsenten Standardinitiativen wie dem Global Organic Textile Standard (GOTS) oder Fairtrade andererseits. Auch gegen deren soziale Anforderungen verstoßen die Arbeitsbedingungen in den untersuchten Betrieben.

Um die Arbeitsbedingungen zu verbessern, empfehlen die Herausgeberinnen:

  • die Initiierung eines sozialen Dialogs vor Ort,
  • die Kopplung staatlicher Subventionen für den Textilsektor an die Einhaltung von Arbeitsstandards, eine verstärkte Organisierung der Beschäftigten,
  • eine verbesserte Umsetzung der Anforderungen von Nachhaltigkeitsstandards wie GOTS und Fairtrade: 1. Einbeziehung von Gewerkschaften und Nicht-Regierungsorganisationen vor Ort in die Audits, 2. größere Transparenz der Auditergebnisse, 3. verbindliches Gewerkschaftstraining für alle Beschäftigten vor jeder Zertifikatvergabe,
  • einen Beitrag der Mitgliedsunternehmen des deutschen Textilbündnisses, die von den untersuchten Firmen bzw. aus der Region beziehen, zur Abschaffung der 12-Stunden-Schicht-Systeme in den Entkernungsbetrieben und Spinnereien zur Unterstützung von Gewerkschaftsgründungen und zum Ausbau permanenter Arbeitsverhältnisse leisten können – um nur die gravierendsten Missstände zu nennen.

Quelle: suedwind-institut.de


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